Ma Donna Roma
Ein Sünder, wer Gianni für einen solchen hält. Der Heilige Antonius wurde nicht so vielen Versuchungen ausgesetzt wie er. Beim Frühstück ist nur die namenlose Gattin (Elisabetta Piccolomini), im Treppenflur vertraut ihm die legere Nachbarin ihren Hund an, beim Besuch seiner greisen Mutter schwebt deren Pflegerin Cristina (Kristina Cepraga) in die nächtliche Küche zu Gianni, der sich einen Schlaftrunk gönnt, die Tochter (Gabriella Sborgi) einer Bekannten empfängt ihn mit üppigem Dekolletee, seine Jugendliebe Valeria (Valeria Cavalli) läuft ihm über den Weg, genau wie eine Reisegruppe attraktiver Touristinnen - und liegt da nicht etwas Zweideutiges im Blick der Marktverkäuferin? Wie bei Waren auf dem Markt gilt auch bei Gianni und die Frauen: Gucken erlaubt, anfassen verboten.
Erotisch und materiell lebt Gianni inmitten eines Luxus, den aus seiner Perspektive nur die anderen genießen, während er hinauskomplimentiert wird, nachdem die Rechnung bezahlt ist. Hat man diese dann vor Augen, ist es angenehmer, keine Brille dabei zu haben. Die unbedachte Prasserei der Charaktere interpretiert Di Gregorio als materielle und kulinarische Kompensation emotionalen Mangels. Beziehungen bestehen in dem sinnfreudigen Schelmenstück entweder libidinös oder aus Gewohnheit. Prickelnd ist der romantisierende Blick auf die gefühlsarme Dekadenz einer peniblen Oberschicht kaum, eher ernüchternd. Letztes ist angesichts des ausschweifenden Alkoholgenusses bitter nötig. »Gianni ist einer der größten Weißweinkenner in ganz Rom!«, prahlt dessen Kumpan Alfonso (Alfonso Santagata). Das Glas in der Hand und die Flasche daneben sind so obligatorisch wie die dazugehörigen Begleithappen.
»Ein kleiner Imbiss«, den Giannis Mutter (Valeria Di Franciscis Bendoni) für ihre Poker-Freundinnen vorbereitet, besteht aus Unmengen feinster Dolci und Antipasti, die den wohlhabenden Figuren mit ein paar Flaschen Dom Perignon auf dem Silbertablett serviert wird. Wie nahezu alles im Leben. Diabetes und andere Altersleiden kennt das filmische Seniorenensemble augenscheinlich so wenig wie Rentenkürzungen. Die rüstige Komödie des Regisseurs und Autor von Das Festmahl im August ist eine augenzwinkernde Verneigung vor Berlusconis Italien, die ein wenig schmeichelhafter Unterton würzt. Das Glas ist nicht halb leer, sondern halbvoll für Gianni und die Frauen. Und wurde es doch mal geleert, wird sogleich weder aufgefüllt. Und wo das herkommt, ist noch viel mehr.
Die eskapistische Episode gleicht einem frivolen Füllhorn, das alles im Überfluss besitzt – außer Handlung und konkreten Charakteren. Die süffisante Typenschau plätschert schwere- und geistlos dahin als realitätsferne Hommage auf das dolce far niente, die jenseits des Filmidylls bitter schmeckt.
