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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:01

Cairo Time - ab heute im Kino!

01.09.2011

Fremde Gezeiten

In Kairo gehen die Uhren anders: Am ersten Morgen im Hotel stellt die vereinsamte und gedankenvolle Geschäftsfrau, die Patricia Clarkson mit dezenter Eleganz verkörpert, ihre Uhr um. Doch die Cairo Time, von der Ruba Naddas verführerisches Filmporträt von zärtlicher Wehmut weiß, bestimmt kein Ziffernblatt, sondern das Gefühl. »Ich möchte meinen Ehemann besuchen«, nennt die Verlegerin als Reisegrund in die konspirative Metropole. Statt seiner empfängt sie sein alter Bekannter, Tareq. Als Teenager habe sie das letzte Mal geraucht, sagt Juliette, als ihr der feinsinnige Kaffeehausbesitzer eine Zigarette anbietet. Doch schon beim nächsten Treffen nimmt sie die Zigarette und saugt den Charme der Farben und Düfte ein, die ihr so unbekannt sind wie Tareqs sanfte Aufmerksamkeit. Von LIDA BACH.

 

Ihr Ehemann Mark (Tom McCamus) wurde in Gaza aufgehalten, wo er für die UN arbeitet und hat seine einstigen Angestellten (Alexander Siddig) als Juliettes Begleiter in Kairo engagiert, wo sich die Amerikanerin allein nicht sicher bewegen kann. Die Gedanken an Mark verblassen unmerklich hinter den neuen Eindrücken und der Geistesverwandtschaft, die den gebildeten Ägypter und die gewandte Reisende verbindet. »Juliette. Fast wie in Romeo und Juliette«, bemerkt eine Freundin Tareqs. Eine sinnlich-traurige Liebesgeschichte verstreicht auch während der Cairo Time, nur ist der Tod am Ende der eines heimlichen Begehrens des Herzens. Sie lebe nicht hier, entgegnet Tareq Juliette, als sie auf die Ungleichheit in Ausbildungschancen und Lebensoptionen von Männern und Frauen zu sprechen kommt. Es ist dieser leise Ton des kulturellen Missverständnisses, der bis zuletzt niemals verfliegt, der Naddas poetisches Innehalten zum Genuss des Augenblicks von den pittoresken Bilderbögen konventioneller cineastischer Reiseaffären unterscheidet.

 

Die welkende Rose von Kairo

Das Kairo der arabisch-kanadischen Regisseurin atmet etwas von der unergründlichen Lebendigkeit des realen Orts. Das Abenteuer Juliettes und des Zuschauers ist nicht, die oberflächliche Faszination der Exotik auszukosten, sondern sie und mit ihr die verschiedenen kulturellen und persönlichen Wahrnehmungsweisen zu ergründen, die das Exotische als solches erscheinen lassen. 

 

»Mittlerer Osten...« – er habe diese Wendung nie verstanden, sagt Tareq während der ersten Begegnung mit Juliette. »In der Mitte von – wo?« In der Mitte von Schwermut und Begehrlichkeit, von Fremdsein und Geborgenheit, von Nähe und Sehnsucht, dort liegt der Mittlere Osten der bestechenden Szenerie, dort tickt die Cairo Time träge und mitleidslos die Minuten fort. Doch dann zieht Juliettes altes Leben sie wieder in die Arme ihres Mannes.

 

»Er hat ein gutes Herz«, beschreibt ihn Tareq. Doch dieses Herz ist immer woanders; und nach dem Besuch der Pyramiden mit Mark wird Juliette wieder einsam sein: Die Pyramiden hat sie schon mit Tareq gesehen. Im letzten Moment wird der elegische arabische Gesang weggedreht und ein Pop-Song macht die Atmosphäre im Taxi noch stickiger. Und Juliette ist wieder Touristin. Die Melodie klingt fröhlich, doch der Text sagt: »Things have really changed since I kissed you«. Auch Juliette und Tareq haben sich für immer verändert, ihr Blick auf die Stadt und ihre Leben. Tareqs wird wohl zu Yasmeen (Amina Annabi) führen, seiner Jugendliebe, Juliettes wird an Marks Seite vergehen in bittere Perfektion, unterwandert vom vagen Begehren nach etwas, das hätte sein können und nie war.

 

Der Ausgang steht von Anbeginn fest. »Hier glauben wir an Schicksal«, erklärt Tareq. Ihr Schicksal ist, einander nie wiederzusehen. Dieses Wissen teilen die Figuren mit dem Zuschauer. Der Reiz der traurigen Romanze ist kein melodramatisches Bangen, sondern besteht aus den exquisiten Darstellern, deren abwägendem Umgarnen sowie dem zartbitteren Beigeschmack des Vergeblichen. »Wer einmal das Wasser des Nils gekostet habe, kehre immer wieder nach Kairo zurück«, lautet eine der fremden Redeweisen. Die Charaktere werden zueinander zurückkehren, wenn auch nur im Geiste. So wie man selbst irgendwann zurückkehren wird zu der unscheinbaren cineastischen Kartusche, die leise, schmerzlich und viel zu rasch verklingt. Dann ist es wieder 88 Minuten lang Zeit für Cairo Time.

 

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