»Es war eine Erleichterung wieder an der Oberfläche zu sein.«
Noch frisch scheint der Ruß der Fackeln, mit denen die Steinzeitmenschen den Weg beleuchteten, den Werner Herzog und Kameramann Peter Zeitlinger auf einem schmalen Metallsteg beschreiten. Jeden Stalaktiten und Bodenabfall machen sich die Windungen des Laufstegs Untertan, den das nur mit Kaltlichtlampen und der hochtechnologischen Kameraausrüstung ausgestattete Filmteam nicht verlassen darf. Die Zahl der Mitglieder der Exkursion ist so streng überwacht wie die Arbeiten der Filmcrew von den Wissenschaftlern. Ihre Konsequenz ist angesichts der Fragilität der Malereien unerlässlich und dennoch unendlich frustrierend: Näher heran, deutlicher die geheimnisvollen Formen aufnehmen, noch ein Detail entdecken – unmöglich, weil es die Bewahrung des unschätzbaren Kulturguts gebietet. Die Höhle der vergessenen Träume verwehrt unendlich viel und bietet doch mehr als Auge und Geist aufnehmen können. In den lebensechten Wildpferden, dem Eiszeitlöwenpaar, Höhlenbären und anderen Geschöpfe tritt dem Betrachter mit der künstlerischen Idee eine geistige entgegen.
»Erinnerungen an längst vergessene Träume«, nennt der Regisseur und Erzähler in seiner komplexen Meditation über die Schnittpunkte von Realität und Vorstellungskraft, Geist und Intellekt die bis zu 35.000 Jahre alten Gemälde urzeitlicher Tiere, die so klar konturiert und ausdrucksvoll dem Betrachter entgegentreten, als seien sie gerade erst an die Höhlenwände gezeichnet worden. Ein »Urzeit-Kino« ersteht aus den im Lichtschein beweglich erscheinenden Tierkörpern, deren vielbeinige Leiber Bewegungen gleich einem prähistorischen Zeichentrickfilm andeuten. Die Geburtsstunde der Kunstgeschichte markieren die paläolithischen Wandzeichnungen nicht als »langsame Entwicklung, sondern einen plötzlichen explosiven Ausbruch«. Ihre Intensität fasziniert nicht nur, sie betäubt und erschreckt, sie hat etwas Überwältigendes, das den eigenen Geist zu absorbieren droht.
Einmal verstummt der symphonische Soundtrack aus anderweltlichen Klängen und klassischer Musik, als die Expeditionsgruppe der Stille der Höhle lauscht, in der vielleicht ihr Herzschlag hörbar sein. Und wirklich – nein. Es ist nur das eigene Herz, das pocht, benommen von den Schatten einer auf immer verlorenen Vergangenheit, mit denen Herzog tanzt wie Fred Astair in einer der dezenten Pointen des Autorenfilmers, der modernste Technik und das älteste Kulturmonument zu wohl bedeutsamsten aller 3D-Filme vereint. Sein Abstieg auf den Grund der Chauvet-Höhle, die der zeit- und geistesgeschichtliche Kontext zum Symbol für das kollektive menschliche Unterbewusste sublimiert, ist nicht nur der erste, sondern womöglich auch der letzte, der je einem Filmteam gewährt wurde. Nur rekonstruieren könnten sie, sagt der Archäologe Gilles Tosello in einer Szene: Das Hauptziel sei Geschichten schreiben. In der Höhle der vergessenen Träume ist es Herzog gelungen.