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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:03

Die Höhle der vergessenen Träume - jetzt im Kino!

10.11.2011

Urzeit-Kino

Jahrtausendealt sind die unsichtbaren Augen der Steinzeitmenschen, von denen die Wandmalereien der Chauvet-Höhle geschaffen wurden; noch kindlich im Vergleich zu ihrem Alter ist das filmische Auge, das die ältesten bekannten Bilddokumente der Menschheitsgeschichte dreidimensional uf die Leinwand zaubert. LIDA BACH stieg hinab in die Höhle der vergessenen Träume.

 

Die Künstler bleiben anonym. Niemand weiß wer sie waren, woran sie dachten, als sie die Wunder der Höhle der vergessenen Träume erschufen und wovon sie träumten, nachdem ihre Augen das Werk anderer Künstler vor ihnen gesehen hatten. Ihre Augen sind die Werner Herzogs und werden die des Zuschauers, wenn sich der Regisseur in die atemberaubenden Bilder seiner Reportage vertieft und sich in deren Schöpfer hineinversetzt; bis zeichnerische und spirituelle Visionen zu einem Filmdokument von unvergleichlicher Schönheit verschmelzen.

 

Die Gemälde eines Caspar David Friedrich oder die Szenerie einer Wagner-Oper erahnt Herzogs Hintergrundkommentar in den dichten Wäldern, die das Ufer des Ardeche-Tals säumen, und dem bizarren Steinbogen, der sich über den Fluss rankt. Verborgen unter der Oberfläche ruht unter der Naturschönheit eine noch faszinierendere künstlerische Schönheit. Gleich einer Schatzkammer glitzern die Steinkristalle in der von fantastischen Tropfsteingebilden durchwachsenen Höhle, deren Boden ein großflächiges Ornament aus von mineralischen Ablagerungen konservierten Fußspuren und Tierknochen schmückt. Das größte Mysterium indes verbirgt sich im hinteren Teil der 1994 vom Forscherteam des Expeditionsleiters Jean-Marie Chauvet entdeckten Grotte, die nach ihrer Versiegelung durch einen Steinschlag das wurde, was Herzog als »perfekte Zeitkapsel« bezeichnet.

 

»Es war eine Erleichterung wieder an der Oberfläche zu sein.«

Noch frisch scheint der Ruß der Fackeln, mit denen die Steinzeitmenschen den Weg beleuchteten, den Werner Herzog und Kameramann Peter Zeitlinger auf einem schmalen Metallsteg beschreiten. Jeden Stalaktiten und Bodenabfall machen sich die Windungen des Laufstegs Untertan, den das nur mit Kaltlichtlampen und der hochtechnologischen Kameraausrüstung ausgestattete Filmteam nicht verlassen darf. Die Zahl der Mitglieder der Exkursion ist so streng überwacht wie die Arbeiten der Filmcrew von den Wissenschaftlern. Ihre Konsequenz ist angesichts der Fragilität der Malereien unerlässlich und dennoch unendlich frustrierend: Näher heran, deutlicher die geheimnisvollen Formen aufnehmen, noch ein Detail entdecken – unmöglich, weil es die Bewahrung des unschätzbaren Kulturguts gebietet. Die Höhle der vergessenen Träume verwehrt unendlich viel und bietet doch mehr als Auge und Geist aufnehmen können. In den lebensechten Wildpferden, dem Eiszeitlöwenpaar, Höhlenbären und anderen Geschöpfe tritt dem Betrachter mit der künstlerischen Idee eine geistige entgegen.

 

»Erinnerungen an längst vergessene Träume«, nennt der Regisseur und Erzähler in seiner komplexen Meditation über die Schnittpunkte von Realität und Vorstellungskraft, Geist und Intellekt die bis zu 35.000 Jahre alten Gemälde urzeitlicher Tiere, die so klar konturiert und ausdrucksvoll dem Betrachter entgegentreten, als seien sie gerade erst an die Höhlenwände gezeichnet worden. Ein »Urzeit-Kino« ersteht aus den im Lichtschein beweglich erscheinenden Tierkörpern, deren vielbeinige Leiber Bewegungen gleich einem prähistorischen Zeichentrickfilm andeuten. Die Geburtsstunde der Kunstgeschichte markieren die paläolithischen Wandzeichnungen nicht als »langsame Entwicklung, sondern einen plötzlichen explosiven Ausbruch«. Ihre Intensität fasziniert nicht nur, sie betäubt und erschreckt, sie hat etwas Überwältigendes, das den eigenen Geist zu absorbieren droht.

 

Einmal verstummt der symphonische Soundtrack aus anderweltlichen Klängen und klassischer Musik, als die Expeditionsgruppe der Stille der Höhle lauscht, in der vielleicht ihr Herzschlag hörbar sein. Und wirklich – nein. Es ist nur das eigene Herz, das pocht, benommen von den Schatten einer auf immer verlorenen Vergangenheit, mit denen Herzog tanzt wie Fred Astair in einer der dezenten Pointen des Autorenfilmers, der modernste Technik und das älteste Kulturmonument zu wohl bedeutsamsten aller 3D-Filme vereint. Sein Abstieg auf den Grund der Chauvet-Höhle, die der zeit- und geistesgeschichtliche Kontext zum Symbol für das kollektive menschliche Unterbewusste sublimiert, ist nicht nur der erste, sondern womöglich auch der letzte, der je einem Filmteam gewährt wurde. Nur rekonstruieren könnten sie, sagt der Archäologe Gilles Tosello in einer Szene: Das Hauptziel sei Geschichten schreiben. In der Höhle der vergessenen Träume ist es Herzog gelungen.

 

Postskript

Bevor der Abspann beginnt, wandert die Kamera zu einem anderen Monument der Zivilisation am Ufer der Rhone. Das Kernkraftwerk, das nur rund 30 Kilometer von der Chauvet-Höhle entfernt steht, erhitzt mit seinen Abwässern eine künstliche Biosphäre, in der Alligatoren angesiedelt sind. Gleich amphibischen Gespenstern gleiten durch die Strahlenbelastung verursachte Albinos unter ihnen durch das Brackwasser.

Die grandiosen zeichnerischen Tierformen stellt Herzog der missgestalteten Tierform gegenüber, die beide von Menschenhand geschaffen sind und sinniert: »Wovon träumen sie, wenn sie die Höhle erreichen?« Von den Löwen, die der ehemalige Zirkuskünstler Tosello nach dem Höhlenbesuch im Traum sah? Von elektronischen Schafen und Albino-Werner-Herzogs? Oder träumen sie mit dem Zuschauer den Traum vom Visionären des menschlichen Geistes und den Alptraum seiner Hybris?

 

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