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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:03

Arielle - Die kleine Meerjungfrau (USA 1989)

15.12.2011

»Die kleine Schlampe!«

Deutlicher als in der 1989 erschienen Zeichentrickfilm enthüllte kaum ein Disney-Klassiker die wahre Natur seiner Helden. Für die Erfüllung ihrer orgasmischen Fantasien, Teil von Prinz Erics deiner Welt zu sein, bezahlt Arielle mit etwas, dessen Bedeutungslosigkeit Seehexe Ursula und der Subtext des Animationsabenteuers nicht genug betonen können. Wer auf die andere Seite will muss den Wegzoll zahlen, im Malstrom und im Mainstream. Und was ist schon eine Stimme im Tausch dagegen, dass »all deine Träume Wirklichkeit werden. Du und dein Prinz in Liebe vereint. Für immer und ewig ...«  Von LIDA BACH

 

Die durchtriebene Seehexe Ursula (Pat Carroll) ist die dunkle Seelenschwester Arielles (Jodi Benson), einflüsternde Verkörperung ihrer unterdrückten Wünsche und Schreckensvision dessen, was sie zu werden droht, wenn sie sich dem patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen widersetzt. Sich unbewusst in Arielle wiedererkennend, deren Anblick sie an die eigene Zeit im Palast von Arielles Vater König Triton (Kenneth Mars) erinnert, zählt Ursula bei ihrem ersten Auftreten ihre Gemeinsamkeiten mit der Meerjungfrau auf. Während Arielle vor Liebeskummer vergeht und nach Eric hungert, bezeichnet sich Ursula als dahinschwindend und verhungert. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft, durch soziale Ausgrenzung oder Verbannung, ist beider Strafe für das Verfolgen eigener Ziele, zu denen sich Ursula anders als die ihre Menschenaffinität vor den Meermenschen verheimlichende Arielle bekennt: »Nicht zum Spaß nennt man mich eine – Hexe!«

 

Als solche repräsentiert sie den unheimlichen Archetyp einer autarken Frauenfigur, deren Begegnung für Märchenheldinnen einer Initiation gleichkommt. Letzte ist in Arielle unverkennbar sexueller Natur. Der Fischschwanz und der titelgebende Status der »Meerjungfrau« betonen Arielles Keuschheit, die ihre Liebe zu einem von Triton doppeldeutig als »Räuber« bezeichneten Menschen bedroht. Ohne weibliche Bezugsperson, sieht Arielle in Ursula sowohl die mütterliche Vertraute als auch die böse Stiefmutter und Konkurrentin. Durch die Verwandlung in einen Menschen ermöglicht Ursula nicht nur Arielles physische Reife, sondern ihre im Kontext eines Disney-Films noch schlimmere emotionale Desillusionierung. Ihr Song Poor unfortunate Souls beschreibt die elementaren Eigenschaften typischer Disney-Heldinnen und das drohende Schicksal einer »Gefallenen« im selben Atemzug: You'll have your looks, your pretty face. And don't underestimate the importance of body language!

 

Underwater Love

Reden allerdings solle eine Dame vorzugsweise nicht. Wozu »hohles Geschwätz«? Die Formulierung verrät die einheitliche Wahrnehmung von weiblicher Konversation zu Land und Unterwasser, wo Arielle für eine eigene Meinung bestraft und Ursula dafür ausgestoßen wurde. Die Bedeutungslosigkeit femininen Selbstausdrucks wird ironischerweise innerhalb des Songs behauptet, der das filmische Moralverständnis enthüllt. Arielles stumme Landromanze mit Eric bestätigt Ursulas Bild der menschlichen Gesellschaft als im doppelten Sinne »oberflächlich«. Ihre Verführung Prinz Erics (Christopher Daniel Barnes) in Gestalt der schönen Vanessa parodiert unterschwellig dessen Happy End mit Arielle, das nur erreicht wird, weil mit Ursula, als sie Erik das Ja-Wort geben will, wiederum eine Protagonistin das Sprechen verwehrt wird.

 

Während die männlichen Figuren Treue und Zusammenhalt beweisen, zeigt Ursulas Eingreifen als Vanessa die Frauengemeinschaft als heuchlerisch und eigennützig. Der Antagonismus der einzigen beiden Handlungsträgerinnen des Films indes unterminiert gezielt eine weibliche Allianz. Optisch und dramatisch einander näher als je zuvor, verkörpern Arielle und Ursula bei der finalen Konfrontation gegensätzliche Stereotypen von Weiblichkeit. Gegenüber Arielles stummer Liebe repräsentiert Ursulas Vanessa die mit falschem Gesang lockende Sirene. Ihr Durchbohren mit dem phallischen Bug des von Eric gesteuerten Schiffs vernichtet die ins Monströse gewachsene dämonische Weiblichkeit in eine groteske Metapher mit gewaltsamer Penetration, die Ursulas Förderung sexueller Impulse in den jungen Liebenden rächt.

 

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