Die durchtriebene Seehexe Ursula (Pat Carroll) ist die dunkle Seelenschwester Arielles (Jodi Benson), einflüsternde Verkörperung ihrer unterdrückten Wünsche und Schreckensvision dessen, was sie zu werden droht, wenn sie sich dem patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen widersetzt. Sich unbewusst in Arielle wiedererkennend, deren Anblick sie an die eigene Zeit im Palast von Arielles Vater König Triton (Kenneth Mars) erinnert, zählt Ursula bei ihrem ersten Auftreten ihre Gemeinsamkeiten mit der Meerjungfrau auf. Während Arielle vor Liebeskummer vergeht und nach Eric hungert, bezeichnet sich Ursula als dahinschwindend und verhungert. Der Ausschluss aus der Gemeinschaft, durch soziale Ausgrenzung oder Verbannung, ist beider Strafe für das Verfolgen eigener Ziele, zu denen sich Ursula anders als die ihre Menschenaffinität vor den Meermenschen verheimlichende Arielle bekennt: »Nicht zum Spaß nennt man mich eine – Hexe!«
Als solche repräsentiert sie den unheimlichen Archetyp einer autarken Frauenfigur, deren Begegnung für Märchenheldinnen einer Initiation gleichkommt. Letzte ist in Arielle unverkennbar sexueller Natur. Der Fischschwanz und der titelgebende Status der »Meerjungfrau« betonen Arielles Keuschheit, die ihre Liebe zu einem von Triton doppeldeutig als »Räuber« bezeichneten Menschen bedroht. Ohne weibliche Bezugsperson, sieht Arielle in Ursula sowohl die mütterliche Vertraute als auch die böse Stiefmutter und Konkurrentin. Durch die Verwandlung in einen Menschen ermöglicht Ursula nicht nur Arielles physische Reife, sondern ihre im Kontext eines Disney-Films noch schlimmere emotionale Desillusionierung. Ihr Song Poor unfortunate Souls beschreibt die elementaren Eigenschaften typischer Disney-Heldinnen und das drohende Schicksal einer »Gefallenen« im selben Atemzug: You'll have your looks, your pretty face. And don't underestimate the importance of body language!