Eine schrecklich nette Familie
Unter dem augenscheinlichen Kampf zwischen beherrschendem Männlichem und unterdrücktem Weiblichen wird ein weit elementarer Konflikt ausgefochten. Chris verkörpert das Extrem der in der westlichen Gesellschaft dominanten christlich-patriarchalischen Moral, die, überzeugt von der vermeintlichen eigenen Überlegenheit, einen diktatorischen Kontrollanspruch erhebt. Um ihre Macht aufrechtzuerhalten und zu festigen, muss sie der Umwelt ihr immanentes Wertschema aufzwingen. Ein Prozess, den Chris als »zivilisieren« bezeichnet. Die Zwangszivilisation bewirkt das Gegenteil von dem, was sie erreichen zu wollen vorgibt. Der dem Abrichten eines Tieres gleichkommende Vorgang entmenschlicht das Zielobjekt und raubt der Zivilisierung somit ihre Grundlage: Humanität. Die Anpassung an eine Verhaltensnorm ohne Wahrung menschlicher Würde ist nicht Zivilisierung, sondern Sozialisierung.
Mit drastischen Mitteln enthüllt The Woman den Fundamentalismus der gängigen Moralvorstellungen und die Konditionierung des Einzelnen darauf als Dressurakt. Die extreme Gewalt gegen weibliche Charaktere und den voyeuristischen Blick der Kamera nivelliert der drastische Racheakt der Hauptfigur, der ebenso unerbittlich beobachtet wird. Maßgeblicher Unterschied der Sequenzen ist die emotionale Resonanz, die sie potentiell beim Publikum wecken. Während männliche Brutalität auf der Leinwand sadistischer (und sexueller) Lust am Quälen entspringt, erscheint weibliche Brutalität als Selbstverteidigung und begründete Revanche. Im Gegensatz zu den maskulinen Figuren gesteht McKee seinen Protagonistinnen Mitgefühl zu. Chris´ Borniertheit und verleugneter Selbsthass mögen Mitleid erregen, jedoch nicht Empathie. Der Reiz eines Antihelden fehlt dem rigiden Moralisten, der mit der Zähmung der Frau seine eigene sexuelle Verunsicherung und Furcht vor der Wildnis besiegen will. Hinter der Fassade des Alpha-Männchens ähnelt Chris einem kleinen Kind, das sich vor dem dunklen Wald fürchtet. Indem er mit der Frau die bedrohliche Wildnis äußerlich domestiziert, beherrscht er symbolisch das durch den Wald verkörperte Unterbewusste.
Der Kampf des kompromisslosen Schock-Dramas wird nicht nur physisch, sondern psychologisch ausgetragen. Während Chris das Über-Ich und die traditionell männlich konnotierte kühle Rationalität darstellt, bezeichnet die Frau das impulsive, triebhafte Es. Als solches bleibt sie selbst unterdrückt die Mächtigere, die von Chris gefürchtet wird. Ihre Gefangenschaft im Haus markiert die symbolische Auferstehung von Belles unterdrücktem Ich und schließlich ihren Widerstand gegen Chris. Aus dieser Perspektive ist The Woman nicht nur trotz, sondern aufgrund seiner expliziten Gewaltdarstellung der »feministische Film«, den ihn Lucky McKee auf dem Sundance Filmfestival nannte.
