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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:14

Die große Passion - jetzt im Kino!

24.11.2011

»Paradiesvorbereitung, die erste!«

»Wir sind in Oberammergau von Berufswegen gezwungen Gottesfinder zu sein«, lächelt Otto Huber, doch hinter seinen Worten steht tiefer Ernst. Der Mann, dessen Haar und Bart während der folgenden Wochen und Monate immer länger und dichter werden, ist zweiter Dramaturg und Spielleiter eines der spektakulärsten Theaterereignisse der Welt. Von LIDA BACH

 

Fast vierhundert Jahre Tradition und Moderne prallen aufeinander, wenn sich 2010 die Oberammergauer Passionsspiele ereignen. Als erster der rund 500.000 Tausend Besucher, welche Die große Passion aus aller Welt anzieht, war Jörg Adolph vor Ort. Über zwei Jahre beobachtete der Regisseur mit seinem Filmteam die Entstehung des Schauspiels. Fast halb so lang wie die reale Aufführung ist Die große Passion des Kinos: über Göttliches und Weltliches, Menschliches und Allzumenschliches.

 

»Paradiesvorbereitung, die erste!«, tönt es aus dem Lautsprecher. Die Proben sind da schon in vollem Gange. Die aufreibende Planung und Konzeption jedoch läuft bis zur letzten Minute. »Wer Gelb hat ist für Jesus.«, spricht Christian Stückl zum Volk. Wer gegen Jesus sein wolle: jetzt schnell das Textbuch tauschen! Stückls Volk ist das der Theaterbühne, er selbst erster Spielleiter, der jüngste in der Geschichte der überschaubaren Gemeinde, die ein schier unüberschaubares Großprojekt angeht, in dem Kommerz und Tradition aufeinandertreffen: »Alles verkauft sich nur über die Geschichte.« Im 17. Jahrhundert wütete die Pest in Oberammergau. Alle zehn Jahre gelobten die Einwohner Passionsspiel abzuhalten, wenn zu den 80 in der Ortschronik verzeichneten Opfern keine weiteren hinzukämen.

 

Bis heute hält sich die Gemeinde an das Versprechen von 1633, das vor jeden Passionsspielen erneuert wird. Mit dem Gelübde einher geht die öffentliche Aufforderung, sich Haare und Bart wachsen zu lassen. Der Aushang richtet sich nur an »Spielberechtigte«, die seit mindestens zwanzig Jahren im Ort leben. Frauen dürfen erst seit 1984 mitwirken. Stückl selbst unternahm mit Huber die umfassendste Textreform seit 1860, die unter anderem die Antijudaismen zu tilgen versuchte. Es allen recht zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. »Mir wäre es auch lieber, wenn Jesus von den Österreichern getötet worden wäre«, sagt in einer Huber, der wie ein Ruhepol zu seinem glühenden Kollegen wirkt. Die Botschaft sei entscheidend, sagt Stückl, nicht das Geld. Nicht zuletzt diese vehemente Überzeugung macht die Finanzen zum hitzigsten Streitpunkt.

 

»Dann können sie den Jesus besser piesacken.« (Probengespräch)

Exkursionen nach Rom und Palästina, aus indischen Stoffen geschneiderte Kostüme, lebende Tiere; die Kosten sind immens, auch trotz des Verkaufs der Karten und Souvenirs vom Platzset bis zum Passions-Esel aus Plüsch. Den Rollen der Ziegen droht die Streichung aufgrund des Budgets. Intensiv gestikuliert Stückl mit den Händen, deren eine mit einer Zigarette verwachsen scheint, wenn er inszeniert, diskutiert, visualisiert. Oder in Rage alle zu »Idioten« erklärt. Die große Passion ist auch die seine. Buchstäbliche Leidenschaft und spürbare Faszination mit der Thematik, deren Darstellungsweise theologische und religiöse Debatten aufwirft.

 

Der Druck ist immens und scheint erst abzufallen, als Die große Passion – ein dokumentarischer und theatraler Kraftakt von Geist, Körper und Seele – durchgestanden ist. Reportage und Religionsspiel sind fordernd in ihrer Länge und Präzision, doch ungeheuer ergiebig. Beide erzählen in eigener Sprache von der Kraft des menschlichen Glaubens, ob in eine göttliche Macht oder eine künstlerische Idee. Vor allem aber entwerfen sie ein eindrucksvolles Bild über Jahre gewachsener Hingabe, die in der zufriedenen Erschöpfung nach Spielende neu keimt. Nach der Passion ist vor der Passion.

 

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