Fast vierhundert Jahre Tradition und Moderne prallen aufeinander, wenn sich 2010 die Oberammergauer Passionsspiele ereignen. Als erster der rund 500.000 Tausend Besucher, welche Die große Passion aus aller Welt anzieht, war Jörg Adolph vor Ort. Über zwei Jahre beobachtete der Regisseur mit seinem Filmteam die Entstehung des Schauspiels. Fast halb so lang wie die reale Aufführung ist Die große Passion des Kinos: über Göttliches und Weltliches, Menschliches und Allzumenschliches.
»Paradiesvorbereitung, die erste!«, tönt es aus dem Lautsprecher. Die Proben sind da schon in vollem Gange. Die aufreibende Planung und Konzeption jedoch läuft bis zur letzten Minute. »Wer Gelb hat ist für Jesus.«, spricht Christian Stückl zum Volk. Wer gegen Jesus sein wolle: jetzt schnell das Textbuch tauschen! Stückls Volk ist das der Theaterbühne, er selbst erster Spielleiter, der jüngste in der Geschichte der überschaubaren Gemeinde, die ein schier unüberschaubares Großprojekt angeht, in dem Kommerz und Tradition aufeinandertreffen: »Alles verkauft sich nur über die Geschichte.« Im 17. Jahrhundert wütete die Pest in Oberammergau. Alle zehn Jahre gelobten die Einwohner Passionsspiel abzuhalten, wenn zu den 80 in der Ortschronik verzeichneten Opfern keine weiteren hinzukämen.
Bis heute hält sich die Gemeinde an das Versprechen von 1633, das vor jeden Passionsspielen erneuert wird. Mit dem Gelübde einher geht die öffentliche Aufforderung, sich Haare und Bart wachsen zu lassen. Der Aushang richtet sich nur an »Spielberechtigte«, die seit mindestens zwanzig Jahren im Ort leben. Frauen dürfen erst seit 1984 mitwirken. Stückl selbst unternahm mit Huber die umfassendste Textreform seit 1860, die unter anderem die Antijudaismen zu tilgen versuchte. Es allen recht zu machen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. »Mir wäre es auch lieber, wenn Jesus von den Österreichern getötet worden wäre«, sagt in einer Huber, der wie ein Ruhepol zu seinem glühenden Kollegen wirkt. Die Botschaft sei entscheidend, sagt Stückl, nicht das Geld. Nicht zuletzt diese vehemente Überzeugung macht die Finanzen zum hitzigsten Streitpunkt.