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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:14

The Help (USA 2011) - jetzt im Kino!

08.12.2011

Eine Frage der Perspektive

»The KKK shot him.« Nein, der Dialogsatz spricht nicht von Tate Taylors Kinoadaption des gleichnamigen Bestsellers von Kathryn Stockett, sondern einem ermordeten farbigen Protagonisten. Die Charaktere erleben den Mord nicht, noch weniger tun es die Kinozuschauer. Rassistisch motivierte Gewalt bleibt ein unscharfer Popanz in dem Melodram, das Bigotterie in Hochglanzoptik und selbstgerechtem Moralismus tarnt. Von LIDA BACH

 

Die Wahrheit zu sagen, sei ein erster Schritt, verkündet der sentimentale Mix aus Mutter-Tochter-Geschichte und Hausfrauendrama. »Du idealisierst ein bisschen«, lächelt nachsichtig die todkranke Mutter der jungen Skeeter (Emma Stone), die Anfang der Sechziger in das Südstaatenstädtchen Jackson zurückkehrt. Mit einer Sammlung von Erfahrungsberichten schwarzer Dienstmädchen will die aufmüpfige Magazin-Kolumnistin den Durchbruch als Schriftstellerin und Journalistin schaffen. Skeeters Initiative verändert nicht nur ihre Beziehung zu ihren einstigen Klassenkameradinnen unter dem Vorsitz der durchtriebenen Hilly Holbrook (Bryce Dallas Howard), sondern der Hausangestellten Aibileen (Viola Davis), die als Erste ihre Geschichte erzählt – mit ungeahnten Folgen.

 

»An die lebenslange, sehr reiche und komplexe Beziehung«, die seine Mutter mit ihrer Haushälterin verband, erinnert Taylor Stocketts Roman. Dessen Realitätskonzept wirkt wie das Skeeters auf Aibileen: »Sie haben keine Ahnung. Das ist was mir am meisten Angst macht«, sagt Aibileen zu Skeeter. Dieses vage Grauen verstärken die exzellenten Darstellungen von Davis, Stone und Spacek, die dem verbrämten Rassismus einen unangenehmen Reiz verleihen. Die ›WASP‹-Ideale des ewig sonnigen, mit dekorativen Speisen ausstaffierten Postkartenidylls komplettiert die unterschwellige Religionsbotschaft. Hilly ist »eine gottlose Frau«, Viola wird von »Gott« umgestimmt und presst in einer Schlüsselszene einen Jesus-Fächer ans Herz.

 

»Der Süden ist eine komplizierte, schöne, tragische, menschenfreundliche Gegend - alles auf einmal.«

Der Schlüssel zum Erfolg – nicht künstlerischem, sondern dem kommerziellen Erfolg des Buches, das in den USA wochenlang auf Platz eins der Bestseller-Listen stand, liegt »in der Perspektive, die gewählt wurde, um sich der Thematik zu nähern«, weiß Taylor: »Nämlich der naheliegenden, der der Frauen.« Frauen mit relevanter Perspektive besitzt The Help reichlich: Aibileen, Minny (Octavia Spencer), Yule Mae (Aunjanue Ellis) … Jede der farbigen Haushaltshilfen, die in einer Kehrtwendung ihre Furcht vergessen und plötzlich darauf warten, ihre Arbeitserfahrung zu teilen. Doch die naheliegende Perspektive der Frauen ist nicht die der naheliegenden Frauen, zumindest dramaturgisch statt revisionistisch betrachtet. Es ist die der weißen Frauen.

 

Die Handlungsperspektive ist die der Identifikationsfigur Skeeter, ihrer Mutter (Allison Janney), Widersacherin Hilly, deren Mutter ›Missus‹ Walters (Sissy Spacek), der gemiedenen Cecila (Jessica Chastain) und Hillys Freundin Jolene (Anna Camp). Sie alle sind Vertreterinnen einer weißen privilegierten Oberschicht, die sich über Statussymbole definiert: blitzblanke Einfamilienhäuser, Kochkünste und schwarze Angestellte, welche beides ermöglichen. Keine von ihnen spielt die Titelrolle; The Help ist Skeeters Buch. Für die Bürgerrechtsbewegung scheint es bedeutender als Martin Luther King, Malcolm X und Rosa Parks zusammen, deren Namen nie fallen.

 

»Über die Schwarzen-Frage macht man keine Scherze!« (The Help)

»Man möchte, dass sie gewinnt!«, sagt Taylor und dies tut Skeeter. Ihren Traum Journalistin zu werden, erfüllt die Verlegerin Elaine (Mary Steenburgen), deren Sushi-Dinner mit doppelter Herrenbegleitung das postmoderne Gegenteil der spießigen Hausfrauenessen scheint. Der Dank der Hausmädchen begleitet sie. Ihre Mutter verkündet, sie habe »beschlossen, nicht zu sterben«. So wie das Drama beschließt, Skeeters Beziehungspech zu ignorieren und Taylor beschließt, dass die Schicksale der Dienstboten nicht interessieren. Sie bleiben zurück in Jackson, wo ihre Handlungen ein offenes Geheimnis sind und sie Entlassung und rassistischen Vergeltungstaten entgegensehen.

 

Die »gesunde Naivität«, die Taylor in Skeeter erkennt, durchdringt auch seine Handlung. Dahinter lauert heuchlerische Kalkulation. Historisches Unrecht verharmlost The Help, indem er die Selbstbefreiung der Schwarzen als von Weißen erstritten inszeniert. Die Unterdrücker werden zu Wohltätern, deren Cleverste erkennt, dass die schwarzen Angestellten ebenso gute Dienste im Haushalt wie im Berufsleben tun. Das wahre Schlusswort spricht nicht Aibileen, sondern Hilly: »Und nun einen freundlichen Applaus für das Personal!«

 

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