Da darf der Teufel ruhig weinen ...
Durch die überspitzte Zeichnung der Protagonistin alternieren Deutungsversuche zwischen sexueller Opferrolle auf der einen und female empowerment auf der anderen Seite. Sie be- und entschleunigt im Sekundentakt, Charaktere tauchen auf, bekämpfen sich, verschwinden, nur um wenig später wieder aufzutauchen. Sie werden begleitet von einem Gegnerdesign, welches auf erstaunliche Weise christliche und babylonische Ikonographie vereint: Die Engel des Herrn sind eine innige Liebesbeziehung mit Gilgamesch und seinem Gefolge auf den Zeichentischen Capcoms eingegangen.
Die Gegnerschar mag zwar im Sekundentakt an Größe und Absurdität gewinnen, doch Bayonetta hat stets eine blutige Antwort parat. Schon ihre Standardangriffe zeigen reichlich Wirkung, doch erst die Folterangriffe sorgen für USK-Wirbel vom Feinsten. Egal ob Kettensäge oder Eiserne Jungfrau – Blut ist’s, wenn’s den anderen wehtut. Und obwohl die Spielinhalte in ihrer unbedingten Sensationalität, ihrer Wucht, ihrem Drängen nach Größe an die Ursprünge des Kinos als Jahrmarktssensation erinnern, kann Bayonetta doch mächtig aus dem Fundus des Crossmedialen schöpfen: Zahllose Querverweise auf ältere Segaspiele fanden Eingang – so etwa Out Run, After Burner, Sonic oder Space Harrier und werden so bei älteren Semestern romantisch-verklärte Blicke evozieren.
Bayonetta war in wertungstechnischer Hinsicht eine Überraschung. Zuerst zückte das japanische Traditionsblatt Famitsu 40 von 40, dann folgten die britischen EDGE-Kollegen mit 10 von 10. Offensichtlich brachen dann die Wertungsdämme – eine Metascore von 91 Punkten ist abseits einer Diskussion um Sinn- und Sinnlosigkeit einer quantitativer Einordnung von Spielen ein nicht alltägliches Phänomen. Dabei lobt die Fachpresse zu Recht die einfache Zugänglichkeit des Spiels und das richtige, gut getimte Setzen von Belohnungen. Auch die Grafikpracht wird – neben dem Charakterdesign – immer wieder ins Zentrum der Besprechungen gerückt. Sie wirkt bei aller segatypischen Arcadehaftigkeit tatsächlich gestochen scharf und schmeichelt dem Auge des Betrachters zu jeder Zeit.
Bayonetta ist eine atemberaubende Farbenexplosion, eine Netzhaut transzendierende Erfahrung und … ein recht banales Videospiel.
Kinetisch, linear, lasziv