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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:39

Doodle Jump

22.02.2010

Ambivalente Ideologiekritik

Das iPhone als mobile Spieleplattform hat die Unschuld seiner Kinderzeit längst hinter sich gelassen. Einer der meistgespielten und -beachteten Titel für die eierlegende Wollmilchsau aus dem Hause Apple ist Doodle Jump. Von außen betrachtet gibt sich das Spiel als ein harmloser Plattformspaß, doch bei genauerer Betrachtung entpuppt es sich als Munition für die kapitalismuskritische Argumentationsflakbatterie. Eine nicht ganz so ernst gemeinte Manöverkritik von RUDOLF INDERST

 

Seit dem 22. November 2009 ist die Welt der mobilen Spieler nicht mehr dieselbe: Das Jump’n’Run Doodle Jump betritt auf dem iPhone die Bühne der tragbaren Unterhaltung und Bespaßung. Es handelt sich um ein Spiel, das für den Bewegungssensor des Applegerätes wie geschaffen scheint. Spieler, die sich auf den Titel einlassen, bekommen es mit dem Doodler zu tun, einem vierbeinigen gelb-grünen Wesen. Ziel ist es nun, auf einer endlosen Reihe von Plattformen immer höher zu springen, ohne dabei herunterzufallen. Durch Neigen und Drehen des iPhone springt der Doodler in die gewünschte Richtung. Das macht das kleine Wesen übrigens automatisch. Auch auf Power-Ups stößt der geneigte Spieler, wie etwa Trampoline, Sprungfedern oder Jetpacks. Diese sorgen für ein noch schnelleres Vorankommen nordwärts. Genretypisch tauchen allerdings auch Gegner auf, die wiederum durch Tippen auf den Bildschirm mit Kugeln beschossen werden können.

 

Das neue Tetris?

Nicht wenige Stimmen ließen sich zu der Bemerkung hinreißen, bei Doodle Jump handle es sich um das „Tetris für das iPhone“. Damit spielten die Autoren natürlich auf die Tatsache an, dass Nintendos GameBoy vielleicht nie den Erfolg gehabt hätte, den er hatte, ohne das Musterpuzzlespiel Tetris des russischen Programmierers Alexey Pajitnov. Hier greift sofort die alte Branchenweisheit „software sells hardware“. Ob sich nun aber aufgrund von Doodle Jump mehr Konsumenten für ein iPhone entscheiden, sei dahingestellt. Schon eher könnte man den Vergleich auf die Tatsache des verführerisch einfachen Spieleinstiegs und den vom Volksmund so sehr missbrauchten Begriff des Suchtfaktors zurückführen: eine Mischung aus Immersion und Flow-Erlebnis – wie es der Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi beschreibt. Die Konzeption des Flow beschreibt das Einssein mit sich und dem Absolvieren der aktuellen Aufgabe. Sowohl Zeit als auch Raum verlieren ihre Bedeutung für den Moment.

 

Kapitalismus 101

Doodle Jump weist durchaus diese Merkmale auf. Allerdings werden inhaltlich noch ganz andere Motive bedient! Schauen wir uns doch einmal das Spiel genauer an. Schon bald ist ganz gut erkennbar, dass nicht weniger als eine eindeutige und nachhaltige Porträtierung heutiger Verhältnisse zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vorliegt. Der Doodle, das Wesen erinnert schwer an einen nicht sonderlich intelligenten Einzeller, lässt sich problemlos als Arbeitnehmer identifizieren, der sich den strukturellen Zwängen des Arbeitsmarktes unterwerfen muss – konkreter: den Zwängen des Karrierismus innerhalb unseres Turbokapitalismus! Dieses Manchestertum treibt den armen Kerl dazu, ohne zu fragen, ohne zu zögern, ja, ohne innezuhalten, immer weiter nach oben zu springen. Oder viel mehr springen zu wollen. Denn Sicherheit gibt es in diesem „Spiel“ nicht! Es geht um ein Vorankommen im Beruf, alle Mittel, NOCH schneller die Karriereleiter nach oben zu klettern, sind dabei willkommen. Die diversen Hilfsapparaturen, wie Sprungfedern und ähnliches, stellen die vermeintlich schmutzigen Tricks dar, die sich der Arbeitnehmer genehmigen muss, um sein Bestehen im Beruf, sein Fortwähren im radikal-freien Markt zu sichern: gefälschte Lebensläufe, fiktive Referenzen und ruchloses Mobbing!

 

Kreislauf ohne Besinnung

Pausenloses Wachstum ist Ziel und Maxime! Immer höher und niemals zurückblicken. Der Absturz ist immer präsent und nur ein Wackeln der Hand entfernt, so wie das einfache Klicken auf „senden“ der falschen E-Mail eine Karriere beenden kann. Gesellschaftliche Institutionen wie etwa Gewerkschaften werden als schmierige Zwischenbosse eingestreut, die ein weiteres Aufsteigen in der Tretmühle des Berufs verhindern sollen. Sie sind widerliche Bremser, die mit äußerster Entschlossenheit sprichwörtlich von der Bildfläche ge„fegt“ werden müssen. Natürlich ahnt der Arbeitnehmer/Spieler tief in seinem Inneren etwas. Er weiß, dass dieses Spiel nicht gewonnen werden kann, der Absturz ist praktisch vorprogrammiert und Teil des Systems. Und dennoch lässt er sich vom goldenen Kalb locken und verführen – die Prestigehaftigkeit lockt wie die Leuchtreklamen der Innenstadt!

 

Es ist den Machern von Doodle Jump zu danken, dass sie den Spielern die Augen über unseren zweifelhaften Wirtschaftskreislauf ohne Besinnung öffnen wollen: Gesellschaftlich kritischer Diskurs findet offensichtlich zu unserer großen Freude auch in digitalen Spielen statt.    

 

linear, minimalistisch, fesselnd  

 

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Da muss ich spontan an Frau Murray denken: "a perfect enactment of the over tasked lives of Americans in the 1990s - of the constant bombardment of tasks that demand our attention and that we must somehow fit into our overcrowded schedules and clear off our desks in order to make room for the next onslaught." So zu finden in: http://www.gamestudies.org/0101/eskelinen/
| von Peter, 24.02.2010

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