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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:45

Skate 3

07.06.2010

Knochen grinden mit Skate 3

Es herrscht eine diebische Wollust vor, wenn es um die Zerstörung des virtuellen Ichs geht. Was haben wir unseren kleinen Spielfiguren nicht schon alles lächelnd angetan? Und das stets mit einer unheimlichen Freude! Die Folterknechte am Pad bekommen nun – neben einem exzellenten Skateboardspiel – auch erneut die Möglichkeit, ihre schlimmsten Phantasien mithilfe des Spielmodus Hall of Meat aus dem Keller zu holen. RUDOLF INDERST springt darauf an und runter/dagegen/hinein…

 

„Der menschliche Köper besteht aus 260 Knochen. Brich Dir bei einem einzigen gewaltigen Sturz möglichst viele davon“ steht da. Und weiter heißt es: „Bonuspunkte bekommst Du, wenn Du dabei Style beweist.“ Mit diesen Worten wird in der deutschen Anleitung des Videospiels Skate 3 des Großpublishers EA der Spielmodus Hall of Meat beschrieben. Ich will ehrlich sein. Seitdem die ersten Bilder des Hall of Meat-Trailers über die gängigen Kanäle sausten, war es um mich geschehen. Das wollte ich haben! Das wollte ich spielen! Egal, ob ich immer noch mit der Tony Hawk Pro Skater-Steuerung (der ehemals große Skateboardtitel auf Konsole) mehr anfangen kann – Skate 3 lockte mit der Urlust auf Zerstörung. Das Verbotene. Das, was richtig, richtig schmerzt: Hall of Meat.

 

Urlust an der Zerstörung

Ich weiß nicht, ob es anderen Zusehern auch so ging: Als James Cameron für sündhaft viel Geld den Luxusliner Titanic 1997 im Meer untergehen ließ, gab es eine Szene, die mir bis heute richtig gut und bildlich präsent im Kopf geblieben ist. Der Ozeandampfer neigt sich schon ungesund Richtung Erdmittelpunkt, als ein (digitaler) Passagier offensichtlich keine Kraft mehr hat, um sich an einem Geländer festzuhalten. Er stürzt gen Wasser, als sein Körper im freien Fall an einem herausstehenden Stahlträger oder einem weiteren Geländer hängen bleibt – et voilá: nach kurzem Knochenbrechen an unmöglichen Stellen kreiselt der geschundene Körper weiter in die Tiefe. Die Zuschauer raunen. Dieses kurze Einhaken kontra Schwerkraft löst ein steiles Unbehangen aus – in etwa wie das Kratzen von Fingernägeln über eine Schiefertafel.

 

Doch vergessen wir überdies nicht das digitale Spiel. Wer erinnert sich nicht an die Dummy-Orgien in FlatOut? Oder gar an den US-Mimen David Hasselhoff in Pain? Das Herumwirbeln der getroffenen Gegner in F.E.A.R oder Max Payne? All die kleinen Figuren, denen wir genussvoll Schmerz zufügen! Der Philosoph und Kulturpublizist Konrad Paul Liessmann führt aus (wenn ich ihn einmal im Sinne Skate 3 highjacken darf): „Zerstören und Wiederholen – sind dies überhaupt korrespondierende Begriffe? Und wenn ja, wie hängen sie zusammen? Zerstören wir etwas, um wiederholen zu können oder ist die Zerstörung selbst mitunter ein Akt der Wiederholung? Dass Neues nur entstehen kann, wenn Alter verschwindet, versteht sich von selbst in einer endlichen Welt. […] Die Lust an der Zerstörung ist auch eine Vorlust auf das, was danach mit dem Ort der Leere gemacht werden kann. Aber ist nicht jede Form der Errichtung von etwas Neuem in gewissem Sinne auch eine Wiederholung dessen, was vorher da war?“    

 

Not just drop dead

Nachdem ich mir also das sehr amüsante Introvideo (vom Baum zur Firmengründung) des Spiels angesehen hatte, entwarf ich im recht übersichtlichen Editor meinen eigenen Skateboarder. Dabei folgte ich natürlich der Prämisse des gesellschaftlich als hässlich Wahrgenommenen: blass, dick, unmögliche Tätowierungen – eben das volle Mainstreamprogramm. Anschließend zeigte ich im Tutorium, was ich mir aus Skate 2 gemerkt hatte. Gar nicht übel – was heißt hier schon „Man muss es sehen, um es zu verstehen“? Über ein paar free skate-Umwege nahm ich dann allen Mut zusammen, um mich endlich dem Hall of Meat-Spaß zu stellen. Und plötzlich ist nichts mehr heilig: Geländer im Schritt? Nase auf Asphalt? Arm vs. Aschentonne? Alleine oder mit Freunden? Willkommen in der Welt von Skate 3. Es macht meinem dicken Männchen offensichtlich richtig Spaß, sich von Gebäuden zu stürzen, nur um sich einige Sekunden später möglichst viele Knochen zu brechen. Aber auch ich gluckse glücklich; ich kann es gar nicht abwarten, den nächsten Sprung zu absolvieren. Wenn der virtuelle Schädel liebevoll gegen die grafische Repräsentanz von Beton donnert, macht das echte Herz einen Freudensprung (während man doch ein wenig das Gesicht verzieht!).

 

Im Skaterutopia Port Carverton fühle ich mich wohl, weil ich meinen Charakter sich unwohl fühlen lassen kann und dieser auch noch Spaß dabei hat. Eine perverse Beziehung mit Tiefgang. Denn einfach fallen lassen zählt nicht, just drop dead ist mitnichten das Motto der Stunde. Manchmal ist es so einfach, glücklich zu sein.     

 

euphorisierend, schmerzhaft, höher  

 

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