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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:45

Portal

14.06.2010

Willkommen am Ereignishorizont

Portal ist einer dieser Meilensteine, über die man sich im Altersheim mit seinem Bettnachbarn unterhalten wird. Bereits heute reicht die bloße Erwähnung um glasige Augen und ein entrücktes Lächeln auf die Gesichter von Spielern und Spielerinnen zu zaubern. Portal ist das spielerische Äquivalent zu Faust. Das mag dick aufgetragen wirken – ist es auch. Aber über Portal zu schreiben ist ähnlich knifflig, wie jemandem die 9. Sinfonie per Chat zu erklären. PETER KLEMENT startet einen Versuch mit Händen, Füßen und dem gelegentlichen Einsatz von Onomatopoesie.

 

Was die Valve Corporation da für den PC und inzwischen den Mac gezaubert hat, ist revolutionär. So revolutionär wie Half-Life 2, das bereits 2004 mit seiner cleveren Herangehensweise an die Möglichkeiten von Physik-Engines glänzte. Die von Valve verwendete Havoc-Engine erlaubt es Objekte der Spielwelt mit physikalsichen Eigenschaften zu versehen, wodurch die Spielfigur mit ihnen interagieren kann. Sie also beispielsweise werfen, wegstoßen, als Schutzschild nutzen oder stapeln. Portal ist ebenfalls ein Spiel mit der Physik, in dem die Spielfigur selbst zum Geschoss wird.

 

MacGuffin-Guns

In Half-Life 2 ist der Zero-Point Energy Field Manipulator oder kurz "gravity gun", ein Gegenstand, der es überhaupt erst möglich macht im Spiel voranzukommen. Quasi die Science-Fiction-Variante des magischen Gegenstands, wie man ihn aus Märchen und Mythen kennt. Das entsprechende Gerät in Portal trägt den klangvollen Namen "Aperture Science Handheld Portal Device" – man darf aber auch "portal gun" sagen – und ist in der Lage zwei miteinander verbundene Portale auf fast allen Oberflächen des Spiels zu erstellen. 

 

Es macht wuuuuuuuusch!

Durch die beiden Portale kann man sehen, was sich am jeweiligen Ende befindet. Außerdem bleibt der Bewegungsmoment erhalten, mit dem man sich und die Objekte des Spiels durch das Portal bewegt. Dank der Portale entwickeln sich Abgründe von den shootertypischen Todesfallen zu einer Gelegenheit ordentlich Schwung zu holen, um wie eine Kanonenkugel in ungeahnte Höhen zu sausen. Anfangs mag das noch Schwindelgefühle und Orientierungslosigkeit erzeugen, doch spätens am Ende des Spiels platziert man mit routinierter Präzision im Flug die Portale neu, um durch die Topographie des Levels zu schnellen. Ein leicht irres Kichern oder Laute wie "Woah", "Wuhu" und "Hmmmmm" sind zu erwarten und kein Grund zur Besorgnis.

 

Thinking with Portals

Interessant an Portal ist die Veränderung der Bewegungsmuster, die von Craig A. Lindley auch "Gameplay Gestalt" (mehr dazu hier) genannt werden. Jedes Genre bildet bestimmte Handlungsmuster heraus, die je nach Popularität einem mehr oder minder großen Kreis an Personen bekannt sind und automatisch auf alle Produkte des Genres angewendet werden. Anfangs huscht man mit der „Aperture Science Handheld Portal Device“ im Anschlag ganz shootertypisch durch Gänge. Doch die Erkenntnis, dass das gar nicht nötig ist stellt sich schnell ein. Schließlich hat der Spieler sein persönliches, translozierbares Wurmloch dabei. Also erstellt man flugs ein Portal unter den Füssen der Spielfigur und eines am gewünschten Ausgangspunkt, ohne sich länger mit lästigem Fußgängertum aufzuhalten. Schon ist eine neue gehfaule Gameplay Gestalt geboren!

 

Künstlicher Wahnsinn

Was würde passieren, wenn nach einer durchzechten Nacht Mephisto, HAL 9000 und Frank-N-Furtner nebeneinander aufwachen würden? Eine wahnsinnige künstliche Intelligenz mit dem Namen GLaDOS („Genetic Lifeform and Disk Operating System“), die einem Kuchen verspricht, während sie die Spielfigur durch immer tödlichere Testanordnungen jagt, wäre eine relativ plausible Variante. Wenn sie nicht gerade die Qualitäten des versprochenen Kuchens anpreist, bemerkt sie in kindlicher Synthesizer-Tonlage, dass der Geschmack von Blut im Mund nicht Teil des Testprotokoll ist. Um eine kurze Kostprobe der Hinweise von GlaDOS zu geben: "Please note that we have added a consequence for failure. Any contact with the chamber floor will result in an unsatisfactory mark on your official testing record. Followed by death. Good luck!". Als wäre das nicht genug, verfügt Portal über die höflichsten Selbstschussanlagen in der Geschichte digitaler Spiele, die sich bei ihrer Deaktivierung mit niedlicher Stimme und den Worten "I don't hate you" oder "No hard feelings" verabschieden.

 

Labormaus im verrückten Lernlabyrinth...des Todes

Portal unterteilt sich in einzelne Levels, genannt Testchambers, in denen man nach und nach lernt mit der „portal gun“ immer komplexere Aktionen durchzuführen. Steter Begleiter ist die Stimme von GlaDOS, die mehr oder minder hilfreiche Hinweise erteilt und immer wieder Kuchen in Ausicht stellt. Die erst einfachen und später aberwitzigen Testabschnitte fordern und fördern die so gern zitierte räumliche Vorstellungskraft und Hand-Auge-Koordination, da man nicht nur sprichwörtlich um Ecken zu denken hat, sondern tatsächlich im freien Fall die Portale neu platzieren muss. Wer dann noch aufmerksam durch die Testanordnungen läuft, wird hin und wieder den Unterschlupf eines vorherigen Testsubjekts finden, das die Wände vor seinem Ableben mit manchmal nützlichen, manchmal verstörenden Botschaften versehen hat. So scheint der versprochene Kuchen eine Lüge zu sein oder etwa doch nicht?

 

Verweile doch! Du bist so schön!

Portal ist ein kurzes Vergnügen, vermeidet dadurch aber, dass man sich daran satt spielt oder Ideenmangel auf Seiten der Entwickler aufkommen kann. Durch GlaDOS wird ein an sich schon faszinierendes Konzept atmosphärisch mit einer wohldosierten Prise durchgeknallter künstlicher Intelligenz aufgeladen, was motiviert und amüsiert. Am Ende des fantastischen und hochmusikalischen Abspanns ertappt man sich bei dem leisen Wunsch "Verweile doch!". Was letztendlich bleibt ist das gute Gefühl einen Meilenstein zum persönlichen Repertoire hinzugefügt zu haben, mit dem man später seinen undankbaren Enkeln auf die Nerven fallen kann, ein Ohrwurm, der einen bis ins Altersheim begleiten wird, das Geräusch "Wuuuuuuuusch" und ein Kuchenrezept.

 

Translozierend, wahnsinnig, clever

 

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