Make my day - oder: Wer zieht schneller?
Einer der bewährten Institutionen des Genres Western stellt das Duell dar. Denkt man an Filme wie High Noon (1952) oder The Quick and the Dead (1995), fällt die in Stein gemeißelte Ikonographie dieser Form der Konfrontation zwischen Männern (oder vielmehr Männer und Frauen, die im Zug eine perfekten Duellchoreographie zum Objekt, zum geschlechtsneutralen Partizipanten werden) auf. Sie scheint dem ewig selben Ritual der Ehrverletzung, der Herausforderung und der Ehrrestauration zu unterliegen. Der Unterlegene des Duells hat im Übrigen nichts mehr zu restaurieren. Er frisst den Staub, mein Freund. Die bisweilen amüsant zu lesende Webseite Legends of America schafft jedoch schnell historische Ernüchterung: „Though movies and television would like us to believe otherwise, it was very rare when gunfights occurred with the two gunfighters squarely facing each other from a distance in a dusty street. This romanticized image of the Old West gunfight was born in the dime novels of the late 19th century and perpetuated in the film era […].”
Das Westernspiel Red Dead Redemption wirft allerdings nicht wenige geschichtswissenschaftlichen Bedenken zugunsten einer spannenden und abwechslungsreichen Inszenierung über Bord und zelebriert das Fiktionale: Duelle sind Teil des spielerischen Alltags des von Rockstar San Diego entwickelten Titels, der am 21. Mai 2010 für Xbox360 und PS3 erschien und mit einem USK 18-er Rating belohnt wurde. Rock Star beschreibt RDR als ein Spiel des Amerikas zur Jahrhundertwende. Die Ära der Cowboys neigt sich dem Ende zu.
Den Leitfaden in der offenen Welt markiert die folgende Geschichte: Weil Agenten einer Bundesbehörde seine Familie bedrohen, wird der frühere Outlaw John Marston ins Grenzgebiet im Westen geschickt, um dabei zu helfen, für Recht und Ordnung zu sorgen. Wie der Spieler diesen Auftrag versteht, und wie er ihn folglich in der Sandbox umsetzt, ist zu großen Teilen ihm überlassen. Die Kameraden der Abteilung Lustig & Humor bezeichnen daher das Western-Spiel oftmals scherzhaft als GTH – eine Anlehnung an die Rockstar-Reihe GTA, die für Grand Theft Auto steht. Als John Marston macht man sich aber eher des Grand Theft Horse schuldig.
Und zu entdecken gibt es einiges – in den Weiten der wunderschönen und stimmigen Landschaften trifft man auf die unterschiedlichsten Menschen und Kuriositäten (und damit meine ich nicht nur Westerngrößen wie Wildtiere, Poker und Mexikaner!). Spieler, die sich auf diese Welt einlassen, werden mit einem Spielerlebnis belohnt, das in dieser Form tatsächlich bisher einmalig ist. Sie sind dabei nicht einmal dazu verdammt, alleine Abenteuer zu erleben. Viele interessante Mehrspieler-Modi warten auf reitende Hutträger. Doch kommen wir auf den Spin dieser kleinen Abhandlung zurück: die Institution „Duell“ in Red Dead Redemption.
Obwohl man Duelle auch forcieren kann, kommt der Spieler oft genug in Situationen, in denen ER zum Duell herausgefordert wird. Dann geht es auch schon los. Es erscheint ein Countdown – ist dieser abgelaufen, erscheint der entscheidende Schriftzug „ZIEH!“ Dieser Aufforderung kommt man am besten recht schnell nach, denn es bleibt im Anschluss sehr wenig Zeit, jene Körperteile des gegnerischen Duellanten zu markieren, auf die der Charakter unmittelbar danach feuern möchte. Ambitionierte Sportschützen nehmen natürlich ehrenvoll die Hand des Gegenübers in Visier und können diesen so durch einen gezielten Treffer entwaffnen – dieser blaze of glory ist also durchaus möglich; keineswegs muss das Duell tödlich enden.
Mit jeder Sekunde, mit der sich der Countdown Richtung Null nähert, steigt die Spannung: Werde ich die motorischen Abläufe perfekt umsetzen? Wie stark oder schnell ist der Gegner? Kann ich es mir leisten, „nur“ auf die Hand des Schützen zu feuern? Dies unterscheidet den Novizen vom routinierten Westmann – bei ihm legen sich die Gedanken; nichts steht mehr zwischen ihm und der durchzuführenden Handlung. Er ist nun ganz eins mit dem Akt. Eins mit dem Werkzeug – seinem Colt. Dann eine schnelle Handbewegung, das Aufblitzen von Metall, Schüsse lösen sich, Sekunden später können die Zuschauer in Augenschein nehmen, wer der überlegene Revolverheld war.
Ob durch ein Duell so etwas wie die Ehre eines Mannes wiederhergestellt wurde/werden konnte, muss jeder Spieler wohl für sich selbst entscheiden … vielleicht irgendwo da draußen in der Prärie unter dem Sternenhimmel, während das Lagerfeuer wohlig warm eine kleine Szenerie ausleuchtet: ein schweigsamer Mann und sein Pferd. Es warten 1000 Geschichten.
Langsamkeit entdeckend, packend, staubig