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Freitag, 25. Mai 2012 | 05:47

UFC Undisputed 2010

05.07.2010

,,Da kannst Du eine Faust von abhaben!"

Der aufrechte Gang, das lesen wir in Hans Magnus Enzensbergers Zickzack, ist, nach wie vor, ein beliebtes moralisches Postulat. Vorgetragen wird es, so der Autor, mit einem gewissen Menschheitspathos. Dass ein Spiel wie UFC Undisputed 2010 nun alles versucht, dieses zu konterkarieren, fordert Überlegungen heraus. Sollten diese nicht standhaft sein, werden wir the Octagon nur auf einer Trage verlassen. RUDOLF INDERST stellt Ringrichter auf die Probe.

 

Identität stiften

Freud-Schüler Erik Erikson wusste es: Die menschliche Identität baut sich durch das erfolgreiche Bestehen einer Serie von Krisen auf. Am Ende wird das Spiel, das mixed martial arts (MMA)-Kämpfe in den Mittelpunkt des Geschehens rückt, dieser Identität, die mit einer Charaktergenerierung begann ein konkretes (mitunter verformt-verschwollenes-verschwitztes-verblutetes) Gesicht geben. Schon einmal hatte Publisher THQ ein Spiel im Portfolio – das mir am meisten Spaß machte, als es darum ging, einen eigenen Avatar, eine eigene Spielfigur zu entwerfen: Saint’s Row 2.

 

2008 erschien der Saint’s Row-Nachfolger und sorgte mit seiner offenen Spielwelt (die in den meisten Besprechungen sofort mit derjenigen aus GTA IV abgeglichen wurde) für vergnügliche Stunden. Die Produktbeschreibung verrät: „Saints Row 2 spielt fünfzehn Jahre nachdem Ihre ehemalige Gang Sie im ersten Teil der Serie verraten hat. Als Sie aus dem Koma erwachen, erfahren Sie schnell, dass sich einiges in Stilwater geändert hat. Fremde Banden haben Ihr ehemaliges Territorium für sich beansprucht während geldgierige Unternehmen die einst so stolze 3rd Street verwüstet haben. Stilwater ist Ihnen zwar noch vertraut, aber gleichzeitig auch seltsam fremd geworden.“ Das Spiel bot tatsächlich unzählige Möglichkeiten, den eigenen Charakter fein zu tunen. Der eigentliche Titel konnte dabei von Zeit zu Zeit schon einmal in den Hintergrund treten. 

 

Typen mit Charakter?

Wird das Spiel zur Religion, bedeutet der Charaktergenerator nicht weniger als die Schöpfungsgeschichte. Und zu einer handfesten Schöpfungsgeschichte gehört unweigerlich die Erschaffung der weltlichen Protagonisten – nimmt man ein verwegen-anthropozentrisches Weltbild ein, bedeutet dies: Her mit dem Menschen! Charaktergeneratoren vermitteln den Eindruck spielerischer Freiheit; mögen die Bahnen seitens der Entwickler später auch noch so begrenzt oder gelenkt sein: die Erschaffung des Eigenen, des Individuums übt eine magische Anziehungskraft aus. Sie lädt zum Nachdenken, zum Verweilen … und zum Spiegeln ein. Was möchte man sein? Wie möchte man auftreten? Welche Wirkung soll erzielt werden?

 

Dabei sind grundsätzlich mehrere Wege denkbar – es mag User geben, die sich selbst möglichst genau im Spiel abgebildet sehen wollen, andere wiederum streben eher danach, eine idealisierte Version des Selbst zu entdecken und mit dieser Abenteuer zu erleben. Der dritte archetypische Weg besteht aus der „Flucht“ ins Surreale – die völlige Verkehrung von Physiognomie in etwa als schnelles Späßchen – natürlich immer gesetzt, der Charaktergenerator lässt es zu. Traditionell entwickeln bei dieser Form der Charaktererstellung Rollenspiele ihre volle Stärke und ihr Potential der Immersion – man geht, einfach gedacht, von der These aus, dass eine tiefere und festere emotionale Bindung des Spielers zu denjenigen Charakteren entsteht, die er selbst entwarf, oder besser erschuf - mit Liebe zum Detail, mit Geduld und Spucke.  

 

Genregrenzen lösen sich allerdings zunehmend auf. Nicht selten erwarten Spieler heute, dass – gerade in Mehrspielermodi – Möglichkeiten der Individualisierung existieren, wenn diese schon nicht körperlich abzulesen sind, dann doch zumindest an unterschiedlichen Ausrüstungsgegenständen zu erkennen, z.B. die Primär- und Sekundärwaffen in Modern Warfare 2. Werfen wir zunächst einen genaueren Blick auf das MMA-Spiel UFC Undisputed 2010, bevor wir speziell auf die Charaktereinstellungen zu sprechen kommen.

 

Spielerische UFC

UFC Undisputed 2010 wird Spieler – nicht nur aufgrund seiner komplexen Steuerung und wunderschönen Grafik - recht lange beschäftigen: Mehr als 100 vollständig gerenderte UFC-Kämpfer warten darauf, gewählt und geprügelt zu werden. Regelmäßige UFC-Seher (das war allerdings in Deutschland nur etwa ein Jahr lang möglich, bis die Bayerische Landeszentrale für neue Medien, kurz BLM, einschritt und ein Sendeverbot aufgrund „des hohen Grades an Brutalität“ erwirkte) werden daher zahlreiche Ring-Persönlichkeiten wieder erkennen. Auch am Rand lauert bekanntes Personal, in etwa die Kommentatoren Joe Rogan und Mike Goldberg, die berühmte Stimme des Oktagons Bruce Buffer oder die Octagon Girls. PR-Mitteilungen verwenden in diesem Zusammenhang gerne die Umschreibung einer „authentischen  Videospiel-Erfahrung“.

 

Die Möglichkeit, eigene Fight Camps und Ligen zu erstellen, sprich dein Trainingsprogramm zu durchlaufen und in der virtuellen UFC-Welt online gegeneinander anzutreten, ist packend: Der zusätzliche Karriere-Modus (inklusive eines "Game Is Watching You"-Modus’) speichert die Leistungen im Spiel, um In-Game-Kommentare, die Intelligenz bzw. Kampfkraft des Gegners und den generellen Karriereverlauf anzupassen. Online-Sparringskämpfe stehen ebenfalls auf der Speisekarte der künftigen UFC-Stars. Das Wiegen der Kämpfer und geforderte Interviews der Charakter von virtueller Medienseite im Zuge einer Selbstvermarktung verweisen wir auf die Verschlagwortung „Atmosphäre“.

Im Vergleich zum Vorgänger, der sich bei vielen Besprechenden als Geheimtipp des Spieljahres 2009 etablieren konnte, existieren drei komplett neue Spielmodi: Besonders interessant ist dabei der "Tournament"-Modus. Bis zu 16 Spieler in Einzel- oder Teamturnieren treten innerhalb eines Systems an. Der Modus ist sowohl mit UFC- als auch selbsterstellten Kämpfern spielbar und bietet zwei verschiedene Gameplay-Styles: Der Arcade-Style ermöglicht es, einen Kampf zu wiederholen, während es im Simulation-Style nur jeweils eine Chance auf den Sieg gibt.

 

Fäuste ins sozial Leere schwingen?

Grundsätzlich bietet der Charaktereditor bei UFC Undisputed 2010 eine Menge: Nicht nur das Aussehen kann manipuliert werden, sondern eigene „Move-Sets“ aus einer Vielzahl an MMA-Disziplinen, inklusive der neuen Disziplinen Sambo, Karate und Griechisch-Römisches Ringen stehen zur Auswahl. Vermeintliche alberne Tätowierungen und überdimensionierte Kiefer plus grünem Haar sind aber leider nur die halbe Miete. Was viele Entwickler offensichtlich noch nicht verstanden haben, ist, dass nicht nur der Spieler eine Beziehung zu seiner Figur etablieren muss, sondern auch die Spielwelt unterschiedlich reagieren und Bezug nehmen soll, damit ein stimmiges Gesamtbild entsteht. Gerade dadurch, dass Charaktereditoren immer mehr Vielfalt und Kreativität zulassen, müssen Spiele-Umgebungen nachziehen (wie in Ansätzen in Fable II zu sehen), sonst bleibt der eigene Charakter nur eine leblose Kuriosität ohne Kontextualisierung.

 

Gerade ein Kampfspiel, das von der Atmosphäre der aufgestauten Aggression,  des nur mühsam zurückgehaltenen Tieres lebt, böte genug soziales und kulturelles Milieu, um sich hier progressiv zu zeigen. Doch gegenseitige, wilde Beschimpfungen sind vielleicht nur der erste Schritt. Im Grunde bietet jedes Spiel, das sich mit gesellschaftlichem Aufstieg und Stardom beschäftigt, genug Raum für Soapteppich, der immer auch auf Charakterisierung und Charaktereigenschaft abzielt. Den eigenen Kämpfer in UFC Undisputed 2010 zu kreieren macht großen Spaß, ihn später im Kampf zu steuern befriedigt ebenso. Wenn nun noch eine soziale Welt geschaffen würde, die meinen Heißsporn anfeuerte / an die Leine nähme / erkennbar absichtlich ignorierte, dann wäre wieder ein großer Sprung geschafft – eine neue Qualität von Spielerfahrung ist zum Greifen nahe.

 

komplex, unverzeihlich, schmerzvoll      

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06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

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