Singularity
27.09.2010
Alles andere als einzigartig
Seien wir ehrlich: First Person Shooter sind alles andere als unterrepräsentiert auf den aktuellen Konsolen von Microsoft und Sony. Dennoch erlaubt sich der ehemalige Gamepals.de-Autor MARKUS HABERL einen fundiert-kritischen Blick auf Singularity.
Die irrige Meinung, Kunst käme von Können, wird in den Reihen der Videospielentwickler von Raven Software kaum Anhänger besitzen. Eher und etymologisch durchaus vertretbar, dürften die Programmierer und Designer einem 'Kunst kommt von Kennen' das Wort reden – einem im Barock verbreiteten Kunstverständnis, das die 'imitatio', die kunstfertige Nachahmung der Werke anderer, höher schätzte, als die vergleichsweise simple Innovation. Aus einer fundierten Kenntnis des Gegenstandes heraus sollte ein noch weiter verfeinertes, neues und eigenständiges Ergebnis geschaffen werden, vergleichbar den Bienen, die den aus verschiedenen Blüten gesammelten Nektar in Honig verwandeln.
Aus einer Vielzahl an Quellen bedient sich denn auch Singularity, um seinem eigentlich nicht ungewöhnlichen Grundprinzip des geradlinigen Egoshooters eine persönliche Note zu verleihen. In einem an originärem Gedankengut armen Genre ist Singularitys Zitatenreichtum ein nachvollziehbarer Schritt – Erprobtes und Bewährtes der Konkurrenz zu übernehmen und mit der Routine des auf langjährige Erfahrung vertrauenden Studios zu verbinden, sollte den Titel wenn schon nicht zu einem Überflieger, dann doch zumindest zu einem sicheren und risikolosen Vertreter seiner Art machen.
Weder kompliziert noch lohnend
Von Bioshock über Half-Life 2 bis LOST und Zurück in die Zukunft – Singularity bedient sich ohne falsche Scham bei bekannten Vorbildern um seine grob um das mysteriöse Element E-99 herum gezimmerte Geschichte zu erzählen. Unter Einfluss dieses von den Russen als Teil ihrer Kriegsanstrengungen erforschten Elements mutieren Soldaten zu Monstren, werden Reisen durch die Zeit möglich und ... - ja, was eigentlich noch? Durch meist enge Abschnitte gehetzt, sieht sich der Spieler einer Feindeskaskade gegenüber, der er mit leidlich fantasievollem Waffenarsenal Herr zu werden bestrebt sein sollte. Wünschen würde man sich ein direkteres Trefferfeedback bei Feindkontakt, den Projektilen fehlt es an Wucht und Stofflichkeit - als kämpfe man mit dem tödlichsten Luftgewehr der Welt.
Singularitys Fokus auf Zeitmanipulation wird in regelmäßigen Abständen in Rätseln verwendet, die weder kompliziert zu lösen sind noch lohnend implementiert wurden. Zerbrochene Brückenabschnitte in die unzerbrochene Vergangenheit transformieren, unlesbare Wandkritzeleien wieder lesbar machen oder der berüchtigte Klassiker: die tödlich schnell rotierenden Blätter eines riesigen Lüftungssystems verlangsamen, um gefahrlos passieren zu können. In diesen Momenten wünscht man sich die Option, die Spielzeit beschleunigen zu dürfen, um das Ende von Singularity schneller erreichen zu können.
Seltsam emotionslos
Aufgelockert werden die mitunter brachial schweren Ballereien des weiteren durch vielerorts auffindbare Filmschnippsel und Tonaufnahmen, mittels derer die auf den Reiz von Zeitparadoxa vertrauende Story vorangetrieben wird. Wohin die Mosaiksteine des Plots schlußendlich führen werden, wird dem mündigen Spieler schon bald klar sein, trotzdem stellt das Finale in seiner Konzeption einen zu diesem Zeitpunkt genuin positiv überraschenden Höhepunkt dar, auf den zu hoffen man schon lange vorher aufgehört hatte. Singularity funktioniert als Standardware im Shooterbereich leidlich, als Konglomerat an Querverweisen und Zitaten schon eher – eine Art Metaspiel bietet sich an, in dem derjenige gewinnt, der die meisten Anspielungen erkennt und korrekt benennen kann.
Wäre Singularity eine Zeitschrift, dann Reader's Digest: in komprimierter Form aus einer reichhaltigen Auswahl die vermeintlichen Höhepunkte extrahieren, um seinem Publikum eine eingehendere Beschäftigung mit dem Gegenstand des Interesses vorsorglich abzunehmen. Doch gänzlich ohne Eigenständigkeit und Mut zu Experimenten verbleibt Singularity im Kern in einem seltsam emotionslosen Zwischenzustand, weder Katastrophe noch Erfüllung. Zeitlosigkeit wird hier nur als Spielelement realisiert, als Videospiel hat Singularity schwer mit den kurzatmigen Zeitläuften zu kämpfen und wird bald dem Vergessen anheim gefallen sein.


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