World of Tanks
08.11.2010
Krieg ist die Hölle! Panzer-MMOs auch ...
World of Tanks ist die Hölle, fein säuberlich sortiert nach einem Rangsystem, das ein bisschen an die Höllenkreise der Göttlichen Komödie erinnert. PETER KLEMENT hat sich das Büßergewand aus gewalztem Stahl angelegt, seine Reise durch die Unterwelt angetreten - und ist geläutert zurückgekehrt.
Als gestandener Shooterspieler kommt man zu Free-to-Play-Panzer-MMOs wie die Jungfrau zum Kinde: Unter mysteriösen Umständen und dem Wirken des Heiligen Geists, der sich in diesem Fall von Spielgefährten mittels Voice-over-IP-Software vertreten lässt. Doch die vermeintliche Verheißung entpuppt sich schnell als Ticket in die Hölle.
Willkommen am Acheron
Seine ersten Schritte in World of Tanks macht man in Tier 1 und 2, je nach Wahl in einem Traktor mit Geschütz oben drauf oder einem posierlichen 2-Mann-Pänzerchen mit dem Namen MS-1. Wird das Anfängergefährt zerstört, so ist die Reparatur kostenlos. In höheren Stufen kostet in World of Tanks alles sauer verdientes Spielgeld: Ausrüstung, Waffen, Munition und Panzer, denen man die landwirtschaftliche Vergangenheit nicht ganz so ansieht. Das Leben in Tier 1 und 2 ist sorgenfrei, Geldnöte hat man keine und großartig Verantwortung auch nicht. Doch irgendwann nagt es am Stolz, dass die leicht überlegenen Tier-2-Fahrzeuge die eigene Schrottmühle ständig in Flammen aufgehen lassen. Die klassische Akkumulationsgier, die man sich in Rollenspielen antrainiert hat, ein kleines bisschen Rachsucht und der verletzte Stolz tun ihr Übriges, um einen tiefer in die Panzerhölle zu treiben.
Nächster Halt: Fegefeuer
Nach dem Verlassen von Tier 1 muss man die erworbenen Erfahrungspunkte in unterschiedliche Forschungszweige investieren, die zu verschiedenen Kettenfahrzeugen mit jeweils eigenem Spielstil führen: Artilleriegeschütze und Jagdpanzer lauern in Gebüschen und schicken Ordonanz von oben oder aus dem Hinterhalt. Mittlere und schwere Panzer rumpeln über das Schlachtfeld und versuchen sich gegenseitig zu flankieren, um Treffer an der verwundbaren Seite oder dem Heck anzubringen. Dabei verlieren die Fahrzeuge nicht nur Lebenspunkte, sondern können auch Modulschäden erleiden, die zwar repariert werden können, doch die Leistungsfähigkeit stark einschränken. So kann selbst ein Zwergpanzer dem mächtigen Tiger die Ketten unter der Karosse weg schießen und so zum leichten Ziel für die Mitstreiter machen.
Die Gefecht in den klapprigen Kisten der ersten beiden Tiers haben noch die Eleganz und den Tiefgang einer Kneipenprügelei – was durchaus seinen eigenen Charme hat. Ab Tier Vier beginnt der taktische Tiefgang, denn dort haben alle Klassen einen gewissen Grad an Effizienz erreicht und erfordern überlegtes Vorgehen, denn ohne ist man schnell rauchende Landschaftsdekoration. World of Tanks ist in dieser Hinsicht von erfrischender Unerbittlichkeit. Fehler werden gnadenlos bestraft: Eine falsche Kehre oder ein verpatzter Schuss und man ist zum Zuschauer degradiert. Nach dem Abschluss eines Gefechts werden die Erfahrungspunkte und die verdienten Credits angezeigt, mit denen die Reparatur- und Munitionskosten gedeckt werden müssen. Wer klug fährt und schießt sitzt bald in einem tödlicheren Tank und damit in einem tieferen Höllenkreis.
Panzerschütze Sisyphos
Hat man durch fleißiges Spiel genug Credits und Erfahrungspunkte beisammen, um sich ein neues Schlachtroß auf Ketten zu gönnen, entpuppt sich das Gefährt im Gefecht schnell als Schindmähre: Der neue Panzer mag zwar einen Aufstieg im Rang bedeuten, doch die Module sind aus dem vorherigen Tier, was dazu führt, dass der Stahlkoloss zwar mit den Großen spielen muss, es aber Dank der Kombination von Unbeweglichkeit und schlechter Bewaffnung nicht kann. Vor allem in höheren Tiers braucht man einen gewissen Masochismus, um die dutzenden Gefechte durchzustehen, in denen man voller Löcher geschossen wird, während man sich nur mit einem Erbsenwerfer seiner Panzerplatten erwehren kann. Zur Demütigung auf dem Schlachtfeld gesellt sich nach der Rückkehr in die Garage oft noch eine saftige Rechnung, die ab Tier 6 höher als der Verdienst ausfallen kann.
Was einen dennoch bei der Stange hält ist, dass andere ihren Stahlsarg mit Beharrlichkeit von einer fahrenden Zielscheibe in eine Kriegsmaschine verwandelt haben und nun damit Kreise um die unglückseligen Neuankömmlinge fahren können. Es geht sehr katholisch zu in World of Tanks, mit einer Prise Hinduismus: Man rollt einen Felsen den Berg hoch, mit dem Ziel irgendwann einen größeren Felsen den Berg hochzurollen. Der größere Fels hat obendrein den netten Nebeneffekt, dass man damit seine Widersacher besser erschlagen kann. Ein Ende hat es erst mit Erreichen von Tier 10. Erreicht man diesen Gipfel, wartet der größte Panzer auf einen, der einen ja zum unangefochtenen König des Schlachtfeldes machen sollte. Wäre da nicht ein winziges Detail ...
,,Hölle, das sind die anderen"
Je weiter man auf dem Pfad seiner Wahl schreitet, desto größer und gefährlicher werden die erspielten Panzer. Doch je größer und gefährlicher man wird, desto eher gerät man unter Beschuss. Auch der König des Schlachtfeldes, der auf deutscher Seite ironischer Weise „Maus“ heißt und 188 Tonnen auf die Waage bringt, hat in diesem Spiel nichts zu lachen. Er kann zwar mächtig einstecken und teilt mit einem Schiffsgeschütz aus, doch dafür genießt er die ungeteilte Aufmerksamkeit des gegnerischen Teams, das nur auf einen Fahrfehler wartet, um dem Koloss Millimeter für Millimeter den Panzerstahl abzukratzen. Obendrein genießt man als größter Panzer eines Gefechts die oft zweifelhaft Ehre die Marschrichtung vorzugeben.
Wehe dem, der seine Gefolgsleute in einen Hinterhalt führt, denn braucht es gut und gerne zwei Minuten konzentriertes Feuer des gesamten gegnerischen Teams, bis eine 188 Tonnen schwere Maus ihr Leben aushaucht - viel Zeit über seine Verfehlungen nachzudenken und sich das infernalische Geheul der Besitzer nun entleibter Panzer anzuhören. In kleineren Panzern ist das Ende nur eine Granate entfernt, aber dafür ist es schnell und weitaus gnädiger was Verwünschungen der Mitspieler angeht.
Hell ain´t a bad place to be
Man braucht Durchhaltevermögen für World of Tanks, denn es gibt keine knuddelweichen Einsteigergebiete, in denen man gegen Computergegner kämpfen könnte, um so an die wertvollen Credits und Erfahrungspunkte zu kommen. Jedes Gefecht muss gegen menschliche Widersacher bestritten werden, die teilweise zu ganz exquisiten Gemeinheiten fähig sind. World of Tanks ist ein Spiel für die 8bit-Generation, denn es ist bösartig, schwer zu meistern und man beginnt mit jedem neuen Panzer in der Talsohle seiner Effizienz an, aus der man sich mühsam wieder hocharbeiten muss. Diese ausgesprochene Fiesheit macht den einzigartigen Charme von World of Tanks aus: Eben weil es so schwer ist sind die Erfolge umso mehr wert.
Es gibt keinen Respawn, keine Speicherpunkte, keine Möglichkeit den Panzer im Gefecht zu reparieren. Schafft man es dann in einem Gefecht fünf der fünfzehn gegnerischen Panzer zu zerstören und das Gefecht mit kaputten Ketten, einem zerschossenen Turm und einem leicht kokelnden Motor zu überleben, dann ist man für einen kleinen Moment der König dieser unerbittlichen Spielwelt. World of Tanks ist die Antithese zu modernen Shootermechanismen, die einem mit regenerierenden Spielfiguren und Wiedereinstieg im Sekundentakt das Leben (und Sterben) allzu einfach machen. Ein Blick auf das interessante Spielprinzip ist kostenlos, nur wer schneller im Rang aufsteigen möchte, muss zum Geldbeutel greifen. Also was soll beim kurzen Anspielen schon passieren?
Wer ein bisschen Heavy-Metal-Attitude mitbringt und schon immer mit Panzern spielen wollte, der ist in World of Tanks gut aufgehoben.


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