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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:06

Jahresrückblick - Digitale Spiele 02

04.01.2011

Spiele des Jahres 2010 - Teil 2

Dem Ping Pong-System treuherzig folgend, werde ich in diesem letzten Teil des Jahresrückblicks 2010 zunächst ein wenig die Geschehnisse der Branche 2010 kommentieren, ehe ich mich zwei Titeln widme, die für CHRISTOF ZURSCHMITTEN zu den Spielen des Jahres 2010 gehören.

 

Move your Kinect dank 3DS und Boris geht

2010 hält für geneigte SpielerInnen einiges an Erkenntnis bereit: Freunde von Plastikzubehör machten zum Beispiel lange Gesichter, als der Trend der Musikspiele wie Rock Band 2 oder Guitar Heroes: Warriors of Rock bei Weitem nicht die Verkaufszahlen einbrachten, die man sich erwartet hatte. Von Edelgurken wie Tony Hawk: Shred möchte ich in diesem Zusammenhang erst gar nicht sprechen.

 

Wie schon seit ein paar Jahren versucht die japanische Spiele-Industrie, sich noch stärker und noch weiter Richtung Westen zu lehnen - oftmals mit nur mäßigem Erfolg, eine kleine Ausnahme mag - als Import wohlgemerkt - Dead Rising 2 darstellen. Auch das Mini-Prequel-Spiel dazu, welches nur über Download lief konnte überzeugen. 2011 könnte hier ein Schlüsseljahr darstellen - wer, außer Capcom, springt noch auf den Westzug?

 

Wii-Bashing! Kaum verkauft der Marktführer nicht mehr 90 Fantastillionen pro Nanosekunde an Hardware, beginnt das schäbige Treiben. Ich selbst habe freilich ein recht gespaltenes Verhältnis zur Nintendo-Hardware, allerdings ist es reichlich albern, wenn einige Gemüter den Untergang der Firma aus Nippon festzurren wollen. Angesichts des 3DS wird sowieso wieder alles ins rechte Licht gerückt. Allerdings kommt man nicht umhin festzustellen, dass Thirdparty-Entwickler auf Nintendos Wii einfach nicht punkten können. Super Mario Galaxy 2, Donkey Kong Country Returns oder Kirby sind großartige Titel und verkaufen sich prächtig. Spiele wie Red Steel 2 von Ubisoft hingegen ... well, it's a different world.

 

Gestikhardware war natürlich 2010 auch ein Thema - Microsoft wagte sich ein wenig mehr aus dem Fenster, indem es ausschließlich auf den Körper setzte, aber auch Sonys Move fischt in diesen Gewässern. Ob es auch die CorespielerInnen juckt, wird man 2011 sehen. Ich bleibe vorerst beim Pad, was auch der begrenzten Platz in der Wohnung geschuldet ist. Lasse mich jederzeit aber in große Häuser einladen. Stellt aber bitte etwas zu essen und trinken hin.

 

3D-Gaming - hmm, darüber werde ich nächstes Jahr sprechen. Auch über Spielen in der Cloud.

 

Mobiles Spielen - nun ja, wie schon angedeutet, steht über allem die Ankündigung des 3DS, das Nintendo-Handheld ist faszinierte bisher alle Videospieljournalisten und erfuhr auch reichlich Berichterstattung in der Mainstream-Presse. Sonys PSP Go, die Ende 2009 startete, konnte auch 2010 nicht die Erwartungen erfüllen. Stetiges Wachstum ist auf den Mobilfunktelephonen zu verzeichnen - optisch beeindruckend war 2010 in etwa der Titel Infinity Blades für iPhone. Aber auch Cut the Rope oder Fruit Ninja begeisterten die Spieler abseits von Sony und Nintendo.

 

Personalien: »Früher als Journalist habe ich gelernt: Mit dem wichtigsten anfangen. Gleich in den ersten Absatz. Also: dreisechzig.net macht zum Jahresende zu.« Schade.

 

Und damit soll es auch schon zu den Spielen gehen. Zurschmitten, hab' Acht!

 

Schau genau!

Zum Spiel des Jahres 2010 erklärt der rastlose Schweizer folgende zwei Titel:

 

Amnesia - The Dark Descent (Frictional Games)
Fünf Skandinavier stricken das ultimative Horror-Spiel und beweisen dabei, dass gerade die oft vermiedenen Design-Pfade mitten ins Herz der Finsternis führen: Die Hoffnung besteht, dass ihnen andere Entwickler künftig schrittweise ins Unbekannte folgen werden.

Digital: A Love Story (Christine Love)
Computerspiel oder Interactive Fiction? Eine egalere Frage könnte es nicht geben, angesichts dessen, was »Digital« ganz ohne Zweifel ist: Eine höchst unterhaltsame Lektion in Medien-Geschichte (das unvermutet wundervolle Setting: ein Amiga Desktop in der Proto-Internet-Zeit) und eine von der seltsamen, alle Anonymität und Distanz überwindenden Kraft des Online-Seins getriebene Liebesgeschichte - eine der schönsten, die dieses Medium (was immer es auch sein mag) bislang hervorgebracht hat.

 

Rudolf meint dazu:

 

86 von 100 Punkten bei Metacritic? Zurschmitten steigt mit dem First-Person-Horroradventure Amnesia - The Dark Descent, welches im September auf dem Markt kam, gleich heftig ein. Ich kenne nicht wenige SpielerInnen, die Stein und Bein auf die Qualität der Penumbra-Serie schwören - daher will ich auch hier eine Mischung aus Atmosphäre und Spielinhalt glauben. Zusätzlichen Reiz könnte das Spiel dadurch entwickeln, dass der Protagonist Daniel unbewaffnet seinen gefährlichen Weg durch die schauerhafte Burg finden muss. Geschichten, die im 19. Jahrhundert angesiedelt sind, haben bei mir sowieso einen Stein im Brett. Ob ich mich diesem Grusler allerdings alleine stellen würde? Hmm, ich bezweifle es! Aber mein Bürorechner würde sicherlich den Titel sowieso als Diashow darstellen. Brennend würde mich in diesem Fall interessieren, wie heftig denn der Leveleditor genutzt wird. Da lohnt ein zweiter und dritter Blick mit Sicherheit.

 

Nun also zu Digital: A Love Story. »The interface of the game is the Amiga Workbench, and you progress through the story by reading, replying, and hacking BBSs using your modem.« Das war mein erster Suchtreffer, als ich nach dem Titel in den Weiten des Netzes fahndete. Vor ein paar Tagen holte ich mir das Spiel dann auf den heimischen Rechner, Ausreden bzgl. der Computerleistung konnte es diesmal kaum geben. 1988 spielt die Geschichte rund um Hacktivism und Cyberpunk in the making mit einer Prise Romantik. Sprich, allen, denen bei MUDs und Mailboxen das Schnappmesser in der Hose aufgeht, werden hier auf das Feinste bedient. Ich selbst hätte das Spiel natürlich nicht angerührt, das gebe ich zu. Jetzt stecke ich etwa 60 Minuten tief in der Geschichte und frage mich, wie die Geschichte wohl weitergeht. Unmerklich mache ich mir Notizen - das ist ein gutes Zeichen ...

 

Christoph holt aber noch weiter aus:


Minecraft

In einem enttäuschend innovationsscheuen Mainstream-Jahr hat sich ein einziges Spiel schnurrstracks für die Geschichtsbücher qualifiziert: Markus "Notch" Perssons Robinson Crusoe meets Lego-Geniestreich. Geschichtsträchtig nicht nur als Einlösung aller Web 2.0- und Emergent Narrative-Versprechen, sondern auch dank der damit realisierten Schöpfungsakte einer fanatischen Community - und der Tatsache, dass die Alpha-Version eines Ein-Mann-Projekts diesem Hunderttausende von Dollar und vielen Businessplanern arges Kopfzerbrechen beschert hat.


VVVVVV/Super Meat Boy

Zwei Indie-Teams entschlacken den Plattformer auf seine Knochen und beweisen: Mehr als eine hyperpräzise Steuerung, brutal-faire Herausforderungen und unendlich viele Leben braucht es nicht, um den Spieler in die euphorischsten Zustände heiterer Seelenwut zu versetzen.


Watch Paint Dry!

Salzstreuer in offene Wunden, Öffner verschuppter Augen oder Huckepackreiter auf liebgewonnenen Schrulligkeiten? Auf jeden Fall sind Meta-Games - Spiele als Kommentar zu und Kritik an der Welt der Spiele - ein Trend, der gekommen ist, um zu bleiben. In 2010 scheiterten Uniprofessoren am Versuch, die Farmville-Logik ad absurdum zu führen, Achievement-Whores wurden spielspasstauglich abgestraft, und auch die Artgame-Szene bekam ihr Fett weg. Erstaunlich: der Aufwand, der in diese knappen Insider-Scherze fliesst - nirgends besser demonstriert als in "Watch Paint Dry!", das zwar völlig unspielbar ist, aber trotzdem keine Mühen scheut, um seinen Punkt rüber zu bringen.

 

Hier kapituliere ich. Jeder Versuch, textliche Inhalte zusammenzuschummeln, würde sofort enttarnt, erahne ich. Ich lasse die letzten drei Titel stehen, erkenne aber ihre Bedeutung. Denn ich glaube fest daran, dass diese Spiele nicht umsonst in jedem Podcast, welches ich für relevant halte über jene digitalen Entitäten sprach.

 

Auf zum nächsten Kapitel

Das war es also der Jahresrückblick 2010. Und auch wenn es nun schon 2011 in den Kalender schlägt, ist für uns mit diesem Artikel erst so richtig Schluss. Jetzt blicken wir nach vorne. Ich möchte es nicht versäumen, allen Lesern, die seit Februar 2010 dabei sind und sich freudig durch unsere Artikel quälen, einen Dank auszusprechen. Man darf auf das kommende Jahr gespannt bleiben.


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