Tretende Cyberpunks
Das Besondere an Gemini Rue aber ist der Zusammenfall des visuellen und narrativen Designs. Kurz: die Form des Adventures der frühen Neunziger (weniger Lucas Arts‘ Secret of Monkey Island, als Revolution Softwares Beneath A Steel Sky) erlaubt die ironiefreie Behandlung eines Cyberpunk-Themas, das in ähnlicher Weise kaum Beachtung in digitalen Spielen gefunden hat. Gemini Rue stilisiert sich dadurch zu einem modernen Klassiker. Leider auch mit den weniger glorreichen Ideen des Adventures: vereinzelte Stellen im Spiel erfordern millimetergenaues Absuchen des Bildschirms, um dunkle Gegenstände vor dunklen Hintergründen zu finden, oder ewig gleiche Räume nach neuen Hinweisen abzusuchen. Glücklicherweise ist Gemini Rue clever genug, niemals auf Dauer zu frustrieren. Rätsel haben meist logische Lösungen und können, zumindest in der ersten Spielhälfte, auf mehrere Arten gelöst werden. Azriel Odin verlässt sich auf Gadgets und die Hilfe seines Piloten, während sich Delta Six an der Logik von Gefängnisausbrüchen orientiert.
Gemini Rue ist ein ungemein spannendes, wunderschön gezeichnetes und kluges Adventure über Identität und Wahlfreiheit, das sich nie auf pure Nostalgie verlässt, sondern bedacht aus Film und Spiel zitiert und (vielleicht wichtiger als alles zuvor) es endlich seit dem glorreichen Lucas Arts Biker-Adventure Full Throttle erlaubt, Dinge mit oft unerwarteten Konsequenzen zu treten. Denn wenn etwas nicht stimmt in der Galaxis, der Mob das Sagen hat und der Bordcomputer mal wieder droht abzuschalten: die Rettung kommt in Gemini Rue oft mit einem imposanten Tritt.
