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Freitag, 25. Mai 2012 | 00:39

Stacking

09.03.2011

Vielschichtig eindimensional

Stacking will das Adventure-Genre neu erfinden, indem es die Geschicke einer nostalgie-getränkten Welt in die Hände einer Matrjoschka-Puppe legt. Doch CHRISTOF ZURSCHMITTEN entdeckt unter der charmanten Hülle einen hohlen Kern.

 

Man kommt um die Metapher nicht herum – in Stacking steckt eine brillante Idee. Und das hat durchaus System: Nichts anderes als glänzende Einfälle, die ganze Spiele tragen können, hatte Tim Schafer im Sinn, als in einer schwierigen Phase seiner Double Fine Productions das gesamte Team zwei Wochen lang in einem Hotel für eine Brainstorming-Sitzung zusammenpferchte. Aus der ungewöhnlichen Maßnahme hervorgehen sollten kleine, feine Projekte für den Download-Markt, jeweils unter der Verantwortung eines anderen Team-Mitglieds. Das Halloween-Mini-Epos Costume Quest machte den Anfang, und nun ist die Reihe an Lee Pettys Stacking.

 

Dreieinigkeit der Adventure-Tropen

Der Geistesblitz hinter Stacking ist dieser: Es setzt die drei DNA-Stränge des Adventures – Charaktere, Inventar, Gegenstände –, deren unheilsame Ver- und allmähliche Entwirrung durch den Spieler die Pointe und Crux des Genres ist, in eins. Und es macht sich zugleich jeglichen revolutionären Eifers unverdächtig, indem es alle Innovation einem putzigen Protagonisten in die Schuhe schiebt: Charlie Blackmoore, kleinster Spross einer Familie von Matrjoschka-Puppen, der kraft Gesetz der russischen Souvenirindustrie eine besondere Macht innehat. Er kann mit einem befriedigenden "Klack" in die Haut einer nächst größeren Puppe schlüpfen, und damit deren Fähigkeiten übernehmen.

 

Die Besetzung fremder Lindenholz-Körper geschieht freilich im Namen einer höheren Sache. Die Puppen in Stacking bewohnen eine Welt, wie sie Charles Dickens erfunden haben könnte, wenn er die soziale Ungerechtigkeit seiner Zeit nur aus Samstag-Morgen-Trickfilmen gekannt hätte. Es ist eine Welt zwischen naiver Nostalgie und echtem Retro-Charme, in der die Trennlinie zwischen Gut und Böse exakt entlang der Klassengrenze verläuft, Cutscenes aus Prinzip nur mit Zwischentiteln und Klaviermusik ablaufen, und man über die Flatulenzprobleme des Proletariats genau so lachen darf wie über Kinderarbeit.

 

Ratten an Bord

In dieser vage sandkasten-artigen Welt gehen die Puppen zuckelnd ihrem Alltag nach – der in der Regel darin besteht, den Spieler von seinem Ziel abzubringen, in einem Eingeständnis an die politische Korrektheit doch noch gegen die Kinderarbeit anzugehen und nebenbei einen bösen Kapitalisten zur Strecke zu bringen. Weit kommen die Babuschkas auf ihren Wanderschaften allerdings nicht, und das ist das grösste Problem von Stacking: Als wäre den Entwicklern bewusst gewesen, dass die auf Augenhöhe mit dem Protagonisten verbleibende Kamera die Navigation der Spielwelt zur Geduldsprobe macht, halten sie die Gehwege kurz – findet sich irgendwo ein Hindernis, ist die personifizierte Lösung mit Garantie nur wenige humpelnde Schritte entfernt. Hier enthüllt sich die anfangs einnehmend wirkende Kernidee des Spiels plötzlich als Verkürzung, an deren Ende eine Puppe mit einem Schlüssel auf dem Kopf vor einer verschlossenen Türe steht. (Immerhin besteht die Option, einige Aufgaben – die durchaus so originell sein können wie die Sabotage einer archäologischen Ausstellung mithilfe von Preixboxern oder einem Rudel Ratten – auf verschiedene Arten zu lösen, was das grosszügige Hilfe-System davor bewahrt, zur kompletten Farce zu werden.)

 

In seinen besten Momenten – etwa an Bord eines Kreuzfahrtschiffs in voller Proto-Titanic-Pracht, das bevölkert ist von Dutzenden manisch wuselnden Passagieren – vermittelt Stacking den Eindruck eines weiten Spielraums voller absurder Möglichkeiten. In Abwesenheit jeglicher spielerischer Herausforderung und jeglicher narrativer Ambition schrumpft dieser aber allzu oft zusammen zu einem Museum historischer Klischees und altbackener Witze, das auch als Lebensraum für slawisches Spielzeug nicht recht überzeugen will.

 

Man kommt um die Metapher nicht herum: In Stacking steckt eine brillante Idee – die jedoch verschwindet unter zu vielen Schichten unausgegorenen Ballasts.

 

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21.06. Leipzig, UT Connewitz
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