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Freitag, 25. Mai 2012 | 00:53

Casual 2.0

10.05.2011

Headshot von deiner Mutter

Fleisch oder Gemüse. McDonalds oder Burgerking. PlayStation oder Xbox. nVidia oder ATI. Babylon 5 oder Voyager. Simpsons oder Family Guy. Mac oder PC. iPhone oder Android. Pest oder Cholera. - Das sind nur einige der großen Glaubensfragen unserer Generation. Viele davon lassen sich sachlich beantworten, manche nur durch Fandom oder sonstige persönliche Präferenz, andere Paare wechseln sich in jedem Quartal ab. Aber stets gehört man entweder dazu oder nicht, ist dafür oder dagegen, hasst es oder liebt es. KAI HILPISCH mit brisanten Betrachtungen.

 

Mamas neuer Liebling

Genau wie mit dem neuen Lieblingsgenre der Spieleindustrie: Casual Games. Denn das wird von den neuen Lieblingskunden der Industrie gespielt, den Casual Gamern. Die haben gegenüber den herkömmlichen Gamern nämlich einen entscheidenden Vorteil: Sie können weiblich, über dreißig und berufstätig sein. Und sie sind offenbar weniger anspruchsvoll, sprich: Sie geben sich mit den immer neu aufgelegten Minispiel-Sammlungen zufrieden, die sie in der Mittagspause, nach Feierabend oder vor dem Abendessen mal eben zur Entspannung dazwischenschieben können. Je anspruchsloser desto besser, je knuffiger desto beliebter – und wenn man dabei auch noch abnehmen kann, ist auch deine Mutter dabei: Mama auf dem Balance-Board im Schlafzimmer, in Leo-Leggins mit der WiiMote zwischen den Zähnen.

 

Und Papa? Oder sein pubertierender Sprössling? Die sitzen am jeweiligen PC oder der kampferprobten Next-Gen Konsole und löschen in Halo oder Call of Duty massenweise Aliens und/oder Terroristen aus,  während sie mit blinkenden Bluetooth-Headsets auf den Ohren ihren Mitspielern in deren Kellern Beleidigungen an den Kopf grunzen. Hinterher lacht man in der Lobby noch herzlich über deine Mutter, die gerade vom Balance-Board gekippt ist und jetzt Farmville spielt.

 

Generationenkonflikt mal andersherum

Ein paar Jahre nach der Einführung der Wii ist der Anblick von Frauen und Eltern an einer Spielkonsole zwar nicht mehr so bizarr wie einst, aber der schlechte Beigeschmack ist für viele geblieben: Die sind keine wirklichen Gamer, die tun nur so, wenn sie da rumfuchteln. Immerhin: Wir spielen wenigstens noch richtige Spiele!

 

Dabei hat der Boom der Casual-Games sich längst auf Titel abseits der Fuchtelspiele ausgewirkt, und zwar durch die Hintertür: Einsteigerfreundlichkeit. Vorbei die Zeit, wo der Unterschied zwischen »Easy«, »Hard« und »Nightmare« nur in unterschiedlicher Lebensenergie der Gegner bestand – nein, ganz grundlegende Gameplay-Elemente sind auf einmal skalierbar: Auch deine Mutter könnte dich zum Beispiel im hochgelobten 2D-Prügler BlazBlue: Continuum Shift fertigmachen, wenn durch den »Beginner Mode« automatisch Combos abgespult werden. Genauso im gelungenen Devil May Cry Plagiat Bayonetta: Auf den Stufen »Easy« und »Very Easy« trägt man ein Item mit sich herum, das beeindruckende Combo-Attacken auslöst, wenn man nur ausdauernd genug auf die Controllertasten einschlägt – klingt ein wenig nach Ravin‘ Rabbids, oder? Oder auch das Kampfsystem in der Assassin’s Creed Reihe: Das ist, Hand aufs Herz, letztlich auch nur ein blutrünstiger Reaktionstest. Die ganzen hardcore-hipsterigen Guitar Heros und Rockbands, wenn wir gerade dabei sind, sowieso. Die Vereinfachungen gibt es aber auch abseits des Controllerschemas: In der ehrwürdigen (oder mittlerweile nicht mehr so ehrwürdigen) Silent Hill Reihe werden selbst die Rätsel auf niedrigeren Schwierigkeitsgraden einfacher, und das schon seit einigen Jahren. 

 

New Achievement unlocked: You are no longer obese but also nothing special anymore!

Und hier kommt die Glaubensfrage: Ist das schlimm? Verweichlicht es die Spieler? Ist »easy« eventuell »zu easy«? Man sollte eigentlich sagen: Nein, warum denn? Wer es schwerer haben möchte, kann ja auf »Furchtbar Hard« stellen! Das Problem liegt aber woanders: Die Gamer-Elite, die Nerds und Zocker, verlieren durch die neue Einsteigerfreundlichkeit ihren Exotenstatus. Natürlich kann man immer noch über den fehlenden »Skill« eines Mitspielers lachen, aber es war schon schön, als es noch was Besonderes war, wenn man eine wahnsinnig komplizierte Kombo auswendig lernen musste um überhaupt irgendetwas erreichen zu können. Heute kann man mit Buttonmashing mehr erreichen denn je, wo bleibt da die Befriedigung? Gut, ist ja schön, dass die Spieleindustrie sich neuen Zielgruppen öffnet, aber doch bitte nicht auf Kosten unseres in jahrelangem Kellerkinderdasein erworbenen Elitismus!

 

Vorschlag zur Güte: Geh doch einfach die WiiFit Highscores von deiner Mutter knacken; der damit einhergehende Fitness-Level-Up birgt schließlich noch gänzlich andere Vorteile. Das ist gar nicht so weit her geholt, es gibt schließ genug Leute die derartig ehrgeizig veranlagt sind, dass sie überall absolute Highscores brauchen – und sei es beim Hochleitsungs-Weghopsen des Bauchspecks zusammen mit ihrer Mutter. Vielleicht lässt sich die Generation Wii ja auch mal zu einem Ründchen von Controller-zerschmetterndem International Track and Field überreden – DAS waren noch sportliche Höchstleistungen an der Konsole!


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