Thomas Kistner: Fifa-Mafia Frankie Chavez: Family Tree Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen Eli Pariser: Filter Bubble Der FUTTERblog - streng verdaulich!
Freitag, 25. Mai 2012 | 00:56

Capsized

24.05.2011

Lass uns über Bewegung sprechen

Capsized sieht aus wie der Prototyp des 2D-Indie-Games, hat aber einen Kern geschmiedet in unzähligen Quake-Deathmatches. DENNIS KOGEL über kanadische Indies, Bewegung im Spiel und Bungee-Greifhaken.

 

Lass uns nicht von Thesen reden. Oder vielleicht doch. Hier ist eine: Videospiele im Allgemeinen, und First-Person Spiele im Besonderen, haben größtenteils aufgehört der Physik und dem Menschenverstand trotzende Bewegungsarten abzubilden. Jim Rossignol bemerkte vor einiger Zeit, dass absurde Bewegungsformen wie der Quake 3 Bunny Hop, sprich eine übermenschliche Beschleunigung durch wiederholtes Hüpfen, zugunsten realistischerer Bewegung verschwunden sind. Spielfiguren kleben am Boden, gehen in Deckung und versuchen sich wie etwa in Mirror’s Edge oder dem aktuellen Brink im besten Fall an Parkour-artigen Bewegungen, die aber immer menschenmöglich sind. Innovative Bewegungen finden sich heute in 2D-Spielen wieder und das kanadische Capsized ist dafür das vielleicht schönste Beispiel.

 

Superbrüder im Geiste

Neben Superbrothers/Capybaras Sword&Sworcery steht Capsized für eine neue Generation visuell bestechender kanadischer Indies. Wo Sword&Sworcery, so Christof Zurschmitten in seiner Rezension, die »Antwort der Nachgeborenen auf Kubismus, Pointillismus und deinen kunstverständigen Scheissstandesdünkel« gegeben hat, so ist Capsized der Versuch, aus den kalten Hallen eines Abuse einen organischen, fremdartigen, pittoresken, wunderschönen und vor allem tödlichen Planeten zu erschaffen. Kurz: Capsized ist das schönste 2D-Spiel seit Jonathan Blows Braid.

 

Fast wie in einem ver-indie-spieltem Bulletstorm strandet eine vom Unglück geplagte Gruppe Astronauten auf einem Alien-Planten und versucht, den mörderischen Einheimischen, der giftigen Flora und aggressiven Fauna zu entkommen. Was Capsized dabei besonders macht, ist es, die Bewegung durch den Spielraum in den Vordergrund zu rücken. Die gestrandeten Astronauten katapultieren sich mit Luftstößen durch die Beinahe-Schwerelosigkeit des Planeten, schwingen mit Bungeeseil-artigen Greifhaken durch die Welt und weichen durch Jetpack-Einsatz Gefahren aus. Das Gefühl der Capsized-Steuerung ist dabei lose, bewusst glitchy. Mit dem Greifhaken an eine Alien-Insel gekettet, lässt sich der Astronaut zu entspannt, tranciger elektronischer Musik gefühlt meilenweit durch die Luft schießen, um dann einem besonders gemeinem Alien eine Rakete vor den Kopf zu schießen. Capsized hat ein großes, buntes Videospielherz in einem bösartig-gefährlichem Aliendschungel. Es lässt sich am besten mit »weeeee« beschreiben.

 

Angry Astronauts

Nur leider ist Capsized viel zu sehr Videospiel, um es dabei zu belassen, kleine, bis an die Zähne bewaffnete Astronauten über schwebende Alieninseln zu schleudern. Erst wird der Spieler durch wunderschön ausgeleuchtete Höhlen geschickt und muss enge Spielwelten erkunden, bis sich das Level-Design lockert und die fantastischen Sprünge erlaubt, die Capsized so besonders machen. Und kurz  danach nimmt das Spiel die Freiheit und Freude an der Bewegung für einen Bosskampf (einen Bosskampf! Wie… unkanadisch) weg. Gib mir einen Alienplaneten mit schwebenden, bobbenden Inseln, ein Jetpack (21. Jahrhundert, hallo!?) und einen Bungee-Greifhaken (21. Jahrhundert!), und ich bin glücklich. Vielleicht würde ich es aber gar nicht richtig schätzen, ohne vorher durch Höhlen zu trotten. Obwohl ... irgendwie doch.


Flattr this

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Karfreitags-Tanz

Wie schon im vergangenen Jahr gibt es auch dieses Jahr wieder in Hessen Ärger, weil aufgrund eines Gesetzes von 1952 am Karfreitag und Ostermontag das Tanzen in der Öffentlichkeit ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...