Frankie Chavez: Family Tree von Michael Ebmeyer Andrea Maria Schenkel: Finsterau "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Eli Pariser: Filter Bubble Kennzeichen T - 28.04.2012
Freitag, 25. Mai 2012 | 01:03

L.A. Noire

28.06.2011

Wenn gute Freunde ermitteln

Recht harmlos klang die Frage meines guten Freundes Peter Just, ob ich irgendwie an L.A. Noire rankäme, man könne dann ja zusammen Fälle lösen. Da ich, RUDOLF INDERST, an den Wert von Freundschaft und guter Polizeiarbeit gleichermaßen glaube, konnte ich keinen Widerspruch leisten, sondern setzte alle Hebel in Bewegung (= schrieb eine unterwürfige E-Mail an den Publisher).

 

Um eines vorwegzunehmen, wir sind mit dem Titel noch lange nicht fertig. Wir stecken, sozusagen, inmitten einer großen Sache. Doch als gute Polizeibeamte kennen wir die Jungs von der Presse, sie wollen ständig irgendwelche Neuigkeiten, auch wenn es nichts zu berichten gibt oder schlichtweg geschwiegen werden muss. Nun gut, obgleich wir es eigentlich besser wissen müssten, gewähren wir Einblick in unsere tägliche Arbeit (»to serve and protect«). Bei unserer ersten Spielesitzung waren wir allerdings zu dritt: Auch Steffi Marx griff zur Dienstmarke, was sehr förderlich war – drei geschulte Augenpaare sind offensichtlich besser in der Lage, allen – auch noch so kleinen, möglicherweise versteckten – Hinweisen nachzugehen.

 

Mitten im Nachkriegs-Boom der goldenen Ära Hollywoods findet sich der idealistische Detective Cole Phelps in einer Stadt wieder, deren Erfolg ihr zum Verhängnis wird. Korruption ist allgegenwärtig, der Drogenhandel explodiert und die Mordrate ist höher als je zuvor. Auf seinem Weg nach oben auf der Karriereleiter und bestrebt, das Richtige zu tun, muss Phelps die wahren Hintergründe einer Reihe von Brandstiftungen, finsteren Machenschaften und brutalen Morden aufdecken und sich der Unterwelt von Los Angeles und sogar Mitgliedern seiner eigenen Abteilung stellen, um ein Geheimnis aufzudecken, das die Stadt in ihrem verdorbenen Kern erschüttern könnte.   

 

Drei Freunde sollt ihr sein

Als Trio in der Haut des einfachen Streifenpolizisten bestreiten wir also die erste Stunde des Spiels. Doch schon bald führen unsere Geduld und unsere Fahndungserfolge raus aus der boys in blue-Clique direkt in die Welt der suits. Mehrfach blamiere ich mich, indem ich die Verdächtigen aus den Augen verliere, bei Autoverfolgungsjagden zu nahe auffahre, mich im Faustkampf nach Strich und Faden vermöbeln lasse oder bei Verhören konsequent versage. Das Einzige, was ich recht gut zustande bringe, sind nicht vorgesehene Autostunts oder das gezielte An- bzw. Überfahren von Passanten. Ein klarer Fall, ich gehöre zu dieser Sorte Spieler, die alles für einen digitalen Spielplatz hält. 

 

Während Peter bei physischen Auseinandersetzungen wesentlich schwungvoller zur Sache geht, sind die Befragungen auch seine Sache nicht. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass auch bei ihm oftmals die Zeile »1/5 richtig« auftaucht. Dennoch: Er ist mein Partner – und ich halte ihm den Rücken frei. Das würde er auch tun. Würde er doch... oder? 

 

»I wead noirisch!» (= »Ich werde verrückt!»)

Eines der wichtigsten Features von L.A. Noire ist eine Technologie namens »MotionScan«. MotionScan erfasst so ziemlich jede Nuance des Mienenspiels eines realen Schauspielers und bindet diese direkt ins Spiel ein. Der Realismus- und Detailgrad und die Darstellung von Emotionen, die dadurch ermöglicht werden, setzen tatsächlich neue Maßstäbe für Videospiele. Aber für das Ermittlerpaar Just / Inderst ist vielleicht etwas anderes an dem Titel wesentlich interessanter. Egal, ob im Dienst oder nicht, als Eleven der amerikanischen Kulturgeschichte ist es – genauso wie bei Fallout 3 – schlichtweg wunderbar, in ein Zeitportrait der US-Geschichte einzutauchen. Dabei ist das Milieu, das hier mit einem Millionenbudget realisiert wurde, natürlich doppelt gespiegelt. Nomen est omen, L.A. Noire lehnt sich schon bei der Namensgebung an das Filmgenre film noir an.

 

In James Naremores More Than Night: Film Noir In It's Contexts wird sehr anschaulich auf den Begriff »noirness« abgehoben: »(it is) a feeling of discontinuity, an intermingling of social realism and oneiricism, an anarcho-leftist critique of bourgeois ideology, and an eroticized treatment of violence.« Das Los Angeles ist voller noirness, und gerade deutsche Spieler sollten sich angesprochen fühlen, ist doch das Genre des film noir das Erbe des deutschen Filmexpressionismus – dazu zählen Persönlichkeiten wie etwa Fritz Lang, Otto Preminger oder Billy Wilder. Foster Hirsch ergänzt diesen kurzen Ausflug in die Vergangenheit: »Combining the objectivity and harshness of naturalism with the tough, stylized realism of the hard-boiled crime school, film noir draws on a rich literary tradition (...) making it one of the most accomplished and most intelligent oft he Hollywood genre.«

 

Mit dem großartigen PS2-Liebhaberstück The Warriors zeigte Rockstar bereits, dass man durchaus bereit ist, gegen Erwartungen und Konventionen zu arbeiten. Auch Red Dead Redemption stellt nicht weniger als ein großes Ausrufezeichen dar: Das Westerngenre ist nicht tot, es bedarf lediglich williger Liebhaber, die es wieder zum Thema machen. Couch-Detektive wie ich sind sehr froh, dass diese Rockstar-Tradition nun auch für das noir-Genre gilt.

 

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

Dichter und Diplomat

»Ich erzähle von Dingen, die mich sehr stark geprägt haben. Zum Beispiel, der Spanische Bürgerkrieg aufgrund der vielen Republikaner, die in Mexiko Zuflucht suchten und die ...

Sorry wegen dem Auge

Das ist ein TATORT, der gut gefallen kann. Mag sein, es kommt zum Ende hin ein bisschen dicke. Aber wie man’s nimmt. »Wir freuen uns, in der Reihe Tatort am Pfingstmontag mit ...

Götter verstehen keinen Spaß

Wenn Shakespeare sich in der griechischen Mythologie bedient und den blindes Seher Tiresias zum Helden eines seiner Stücke gemacht hätte, der Inhalt hätte durchaus so aussehen ...

Valium im schwarzen Anzug

Die MIB-Filmreihe von Regisseur Barry Sonnenfeld komplettiert sich nun zur Trilogie und tischt dem Zuschauer das Alte vom Vortag nochmal neu auf – nur diesmal in 3D. Lasst euch vom ...

Öko oder Nazi - Hauptsache Pirat!

Die gute Nachricht zuerst: Die Polizei hat diese Woche bei einer Razzia in Nordrhein-Westfalen zwanzig Wohnungen durchsucht und drei Rechtsextreme im Alter zwischen 18 und  20 Jahren ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Back for good

Zwei interessante Wiederveröffentlichungen aus den 70ern, vorgestellt von TOM ASAM.

Karfreitags-Tanz

Wie schon im vergangenen Jahr gibt es auch dieses Jahr wieder in Hessen Ärger, weil aufgrund eines Gesetzes von 1952 am Karfreitag und Ostermontag das Tanzen in der Öffentlichkeit ...

Vorschlag zur Güte

Reiß mir bitte reiß mir doch

in meinen Etat ein Loch

stopf zwei drei deiner Sorgen rein

und bald wird wieder Frühling sein

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...