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Freitag, 25. Mai 2012 | 01:13

Drive-by-trolling

23.08.2011

Hackfleisch mittels montierter Maschinenkanone

Trotz vermeintlicher Oberflächlichkeit halten einem manche Spiele doch subtil den Spiegel vor. PETER KLEMENT war gerade dabei einen one-eighty mit einem Taxi durch eine Horde Zombies zu drehen, als ihm auffiel, dass er zu tief in den nietzschanischen Abgrund geblickt hat. Es folgt die Geschichte von einem, der auszog und aus Versehen zum Troll wurde.

 

Der Troll in der Netzkultur hat nur wenige Schnittpunkte mit dem aus Film und Literatur bekannten Fantasiegeschöpfen. Körperlich hat der Netztroll eher wenig zu bieten und schwingt daher auch keine baumstammgroßen Knüppel, sondern eher die verbale Keule. Das erklärte Ziel des Trolls ist es in Foren oder Chats absichtlich und wiederholt andere zu stören, zu beleidigen und Konflikte zu schüren. Das Jagdrevier dieser unangenehmen Kreaturen beschränkt sich jedoch nicht nur auf das Internet, auch in digitalen Spielen trifft man auf die unterschiedlichsten Subspezies der Gattung – für die Recherchewilligen seien die Stichworte Griefer und Ganker genannt.

 

Trollkatalysator

Autos aller Art sind perfekt um das Aktivierungsniveau des inneren Trolls zu senken, das kann jeder bestätigen, der auf einer deutschen Autobahn unterwegs war. Dort kommt es je nach Tageszeit zu bis zu 10 TpM (Trolle pro Minute). Kein Wunder also, dass es ganze Spielegenres gibt, in denen der Spieler keine besondere Herrschaft über das Fahrzeug beweisen muss, sondern nach Herzenslust seinen inneren Troll spazieren fahren kann. Jeder, der die ersten beiden Teile von Grand Theft Auto (kurz GTA) gespielt hat, hat einige hundert Fußgänger auf dem Gewissen, mindestens drei katastrophale Massenkarambolagen verursacht und zahllose Fahrzeuge in Flammen aufgehen lassen, ohne auch nur den geringsten spielerischen Nutzen draus zu ziehen. In Carmageddon haben Spieler/Innen mehr davon die Konkurrenz von der Straße zu rammen und nebenbei noch die Gehwege leerzufegen, als das eigentlich stattfindende Rennen zu gewinnen. Allen diesen Spielen gemein ist, dass auch lausige Fahrer problemlos mit dem Spiel klar kommen. Das Meistern einer Spielmechanik tritt zu Gunsten der trolligen Vanitas in den Hintergrund.

 

Trolling Zombies in Suburbia

Zombie Driver von EXOR Studios treibt, Dank moderner Physikengine, allerlei aufs Vehikel montierbarer Garstigkeiten und natürlich dem Kniff, dass es sich um Zombies handelt, das fahrzeuggebundene Trolltum auf die Spitze. Denn Zombies sind ja bekanntlich keine Angehörigen der Menschheit mehr, sehen aber noch genauso aus und geben genau die gleichen Flecken auf dem Asphalt. Was in GTA oder Carmaggedon den etwas zarter besaiteten Troll auf den Pfad der Tugend zurückführen kann, wird in Zombie Driver zur Heldentat. Denn die netten Nachbarn sind zu fleischfressenden Unholden geworden, die durchaus eine spielerische Herausforderung bedeutet können. Allerdings nicht wenn man sie mit einem gepanzerten Taxi scharenweise über den Haufen fährt.

 

Natürlich macht es Spass Zombies mittels montierter Maschinenkanone in Hackfleisch oder mit einem gekonnten Drift in Straßenpizza zu verwandeln, doch eine Glanzleistung ist es beileibe nicht. Und wo die Gegner chancen- und rechtlos sind, wird man schnell selbst zum Monster, das grausame Spielchen mit seiner zweibeinigen Beute spielt, um für sich ein möglichst großes Spektakel zu veranstalten.

 

Wer Ungeheuer überfährt, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird.

 

Troll throws tantrum

 

 

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Lieber Herr Klement, Ihre Ausführungen legen nahe, dass der Zombie hier nur im Spiel ist, weil er bedenkenlos getötet werden darf. Das wirkt so, als hätten die Spielemacher und die Spieler, wenigstens latent, das Bedürftnis "echte Menschen" über den Haufen zu fahren, trauen sich aber nicht, das zuzugeben. Ist es diese Umstand, der Sie dazu bringt, ausgerechnet in einem eher belanglosem Spiel wie diesem, "das Starren aus dem Abgrund" zu bemerken? Immerhin schreiben Sie bevorzugt über Spiele, deren Szenarien zwar ebenso tödlich, aber bei Weitem realistischer sind. Mit freundlichem Gruß, LINCOLN BEIHIRT
| von LINCOLN BEIHIRT, 23.08.2011
Hallo Herr Beihirt, zu den Bedürfnissen der Entwickler oder der Spieler von Zombie Driver kann ich mich nicht äußern. Von einem verschämten Bedürfnis kann man aber, denke ich, nicht sprechen. Mit gehts es hier eigentlich um den spielerischen Aspekt: In den anderen tödlichen Szenarien, die sie ansprechen, begegnen sich Spieler auf Augenhöhe - zumindest was die spielerischen Mittel angeht. In einem Strategiespiel habe beide Seiten Armeen. In Shootern kriegt jeder das gleiche Gewehr. Mit anderen Worten: Es geht hart, aber fair zu und man wird in seiner spielerischen Fähigkeit gefordert. Das Starren in den Abgrund in Zombie Driver erfolgt also eher aus der ludologischen Perspektive: Spiel ist immer auch ein Wettkampf, gegen sich selbst oder gegen andere. Hier aber hat der Gegenspieler überhaupt keine Chance. Was bliebt ist ein Spiel, das von einem Allmachtsrausch lebt. Was durch das Szenario noch befeuert wird. Zombies sind nunmal die ultimative Ausrede sich gründlich und ohne schlechtes Gewissen daneben zu benehmen. Roger Caillois hat sehr viel Kluges zu dem kulturellen Phänomen Spiel geschrieben und vier Grundlagen des Spiels identifiziert: Wettkampf, Zufall, Rausch und Maskierung. Wettkmapf erfordert Regeln, Maskierung soziale Kompetenz. Selbst der Zufall, bzw. das Glücksspiel, erfordert gewisse Parameter innerhalb der es stattfinden kann. Der Rausch dient eigentlich nur dem Selbstzweck. Bei Zombie Driver hab ich regelrecht ertappt gefühlt, denn herausgefordert war ich nicht, mit Glück hatte es nichzs zu tun und in eine andere Rolle bin ich auch nicht geschlüpft. Ich bin nur durch die suburbane Landschaften gedonnert und habe Zombies überfahren... Mein Abgrund war der spielerische und nicht der des Szenarios. So long Peter Klement
| von Peter Klement, 25.08.2011

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