Deus Ex: Human Revolution
06.09.2011
Es lebt! Es lebt! (Mal wieder)!
Nach mehr als zehn Jahren und einem zweiten Teil, der nicht erwähnt werden soll, kommt mit Deus Ex: Human Revolution ein, man will es kaum glauben, neues Deus Ex Spiel. Und es erinnert DENNIS KOGEL an: ein Deus Ex Spiel, mit allen Problemen und Großartigkeiten, die das so nach sich zieht.
Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ein Spiel sich so sehr nach Deus Ex angefühlt hat, mich so sehr von der Spielwelt überzeugt hat und trotz modernem Spieldesign so viel Nostalgie hervorgerufen hat – und mich gleichzeitig daran erinnert hat, dass auch Deus Ex nicht perfekt ist.
Deus Ex hat vor über 10 Jahren das Versprechen gegeben, dass Spiele komplexe Welten simulieren können, in der die Entscheidungen des Spielers auf einer Mikro-Ebene eine große Wirkung hatten auf das große Ganze. Sich an Gegnern vorbeischleichen oder mit Waffengewalt ausschalten? Einen geheimen Eingang zur Untergrundbasis finden, oder den Barkeeper davon überzeugen die Zugangscodes zu übergeben? Egal, wie sich Spieler entscheiden, das Spiel anzugehen, es soll auf sie reagieren. Und da spielt es erstmal keine Rolle, dass Deus Ex einen lächerlich verworrenen Cyberpunk Pulp-Verschwörungsplot hatte, schon zur Veröffentlichung um 2000 rum völlig veraltet aussah und unhandlich komplex war: es hat die Aktionen der Spieler ernst genommen.
Anders gesagt: es ist als Konzept für weitere Spiele gnadenlos gescheitert. Es ist schlicht zu schwer und zu ambitioniert eine Spielwelt zu bauen, die kleinsten Spieler-Entscheidungen, großes Gewicht einräumt. Und darum ist es Deus Ex: Human Revolution erstaunlich. Weil es eben diese Simulation versucht. Und wie großartig es ist, wenn das gelingt! Und wie enttäuschend wenn es seinen eigenen Anspruch an Glaubwürdigkeit und Entscheidungsfreiheit nicht erfüllt.
Fehler im System
Zum Inhalt: Held Adam Jensen gerät als unfreiwillig cyborgifzierter Sicherheitschef eines US-Forschungskonzerns in eine globale Verschwörung, um ermordete Wissenschaftler, Bio-Engineering und die Ethik und Philosophie des Cyborg-Konzepts. In Missionen und Städten müssen mit Hilfe von aufwertbaren Cyber-Prosthesen und Fähigkeiten (Unsichtbarkeit! Röntgenblick! Super-Stärke!) Konzerne infiltriert, Straßengangs ausgeschaltet und private E-Mails gestohlen werden. Dabei sind die Wege zum Ziel, ganz Deus Ex, eben größtenteils frei wählbar und auch trotz der Vergabe von Erfahrungspunkte, die die Optionen deutlich als »richtigere/falschere Wege« zeichnen, auf viele Weisen lösbar. Wer schleichen will, schleicht, wer schießen will, kann auch das – solange man sich dabei nicht allzu schlecht anstellt.
Wie Kirk Hamilton schon bemerkt hat, fühlt sich Deus Ex: Human Revolution vor allem wie eine Mischung aus wichtigen und interessanten Spielelementen und Konzepten der vergangen zehn Jahre an. Schade wird es nur, wenn Deus Ex: Human Revolution auch die Fehler der Vorbilder übernimmt: frustrierende, archaische Boss-Kämpfe, die die für Deus Ex so wichtige freie Wahl des Lösungswegs durch stumpfe Schießerei ersetzen; fantastisches Art Design, das stellenweise vor den Limitationen der Grafik-Engine kapituliert; frei begehbare Städte, die sich erstaunlich leer und künstlich anfühlen; ein merkbar schnell und lieblos gemachtes Ende, das nur verdeutlicht, dass es im Moment zu kostspielig und zu schwierig ist eine glaubwürdig funktionierende moderne Simulation zu veröffentlichen.
Und trotzdem
Und trotzdem gehört Deus Ex: Human Revoltion gespielt. Weil es eben so oft es Fehler macht, auch ebenso oft intelligentes Spielen erlaubt, sogar fordert. Weil es ein Spiel ist, das aus jedem Bürokomplex, aus jeder Untergrund-Nudelfabrik ein Puzzle macht, das es zu lösen gilt. Weil es reich ist an sehr aktuellen, sehr wichtigen Themen wie der Besessenheit mit Leistung und Optimierung, der Rolle der Ethik in der Wissenschaft und der Macht der Privatisierung. Und was alle Themen so geschickt zusammenführt, sind keine Boss-Kämpfe, keine Kampfroboter und kein unsichtbares Schleichen und Passwort-Klauen, sondern das Gesprächssystem.
Adam Jensen muss nämlich auch durch cleveres Argumentieren mal mehr, mal weniger begabte Widersacher für sich einnehmen – was herausfordernder ist, als viele der Schießereien. Wie viel Druck hält der nervöse Wachmann aus, wie reagiert Konzernchef Sarif darauf, wenn sich Adam querstellt und auf welche Argumente springt er an? Um sich die Mensch-Mensch Interaktion einfach zu machen, kann sich Adam aber aufrüsten lassen. Fortan übernimmt die Maschine in Adams Kopf die harte Arbeit: Persönlichkeitsanalyse, Erfolgsbarometer und eine effiziente Pheromon-Schub-Lösung, um das Gegenüber zur Kooperation zu zwingen. Fantastisch!
Achtet man aber ein wenig mehr auf die Gespräche, so merkt man schnell, dass die schnelle Pheromon-Lösung zur Krücke wird. Der Spieler verlässt sich statt auf menschliche Intuition auf die sichere Maschinenlösung. Ein Gespräch ohne detaillierte Persönlichkeitsanalyse? Niemals! Schritt für Schritt wird der Wert des Spielers so gemindert. Wer spricht da noch? Adam Jensen oder die Maschine in seinem Kopf?
Wichtiges Scheitern
Deus Ex: Human Revolution ist nicht perfekt, das war auch Deus Ex nicht. Aber es ist ein wichtiges Spiel, das nochmal deutlich zeigt, wie wertvoll und spannend die Ideen Warren Spectors waren im inzwischen mehr als 10 Jahre alten Deus Ex. Selbst wenn es an den eigenen Ansprüchen scheitert, es scheitert mit großen Ideen, einer fantastischen Welt, einer immensen Aktualität – und mit tödlichen Getränkeautomaten.

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