»Ich glaube nicht, dass man einem Werk eine Form überstülpen kann. Jede Geschichte entwirft ihre eigene Form. Ich habe sehr fragmentarische Bücher geschrieben und solche, die wie ein Labyrinth aufgebaut sind«, hatte Auster schon vor zwanzig Jahren in einem Interview erklärt. Heute klingt dies wie eine weise Prophezeiung.
Viele seiner Figuren sind selbst Schriftsteller, die oft vom Weg abkommen und ziellos durchs Leben vagabundieren – wie Taumelnde in einem Labyrinth der Zufälle. Keineswegs zufällig ist es hingegen, dass dieser labyrinthische Handlungsschauplatz oftmals New York ist. Anderes Personal lässt Auster nach vielen Jahren wieder auftauchen; so ist aus der attraktiven Anna Blume aus dem Land der letzten Dinge (1989) in Reisen im Skriptorium (2007) eine in die Jahre gekommene fürsorgliche Krankenschwester geworden.
Paul Auster, der am 3. Februar vor 65 Jahren als Sohn österreichischer Juden in Newark geboren wurde, studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft, ehe er sich in den frühen 1970er Jahren mehrmals nach Europa begab. In Irland suchte er die Fährte von James Joyce, und in Paris lernte er Samuel Beckett persönlich kennen. Später machte er sich auch als Übersetzer französischer Literatur (u.a. Sartre und Mallarmé) einen Namen. Überhaupt sind Austers Vielseitigkeit und sein Arbeitspensum geradezu bewundernswert. Mehr als ein Dutzend Romane, Film-Drehbücher, Erzählungen, Essays, autobiografische Skizzen, Übersetzungen, selbst Gedichte gehören zu seinem opulenten Oeuvre. Beim Film Lulu on the bridge mit Vanessa Redgrave als eine der Hauptfiguren stand er sogar als Regisseur hinter der Kamera. »Ich glaube, dass jeder Autor gewissen inneren Zwängen unterliegt. Ich jedenfalls verspüre den ständigen Druck, weiterzuschreiben, weiterzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich etwas abgeschlossen habe, fürchte ich, versagt zu haben«, erklärte er 2007 in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit.
Auster räumte einmal freimütig ein, dass er seit seinem 20. Lebensjahr keine neue Idee mehr gehabt habe. Das ist einerseits kokettes Understatement, andererseits steckt auch ein Funken Wahrheit in dieser provokanten Aussage, denn der leidenschaftliche Baseballfan versteht es wie kaum ein Zweiter, den eigenen Stil zu pflegen und beinahe rituell zu reproduzieren. So scheint auch die Figur des Varieté-Künstlers aus Mr. Vertigo (1994) durchaus als Symbol für Austers Rolle als Autor zu taugen – als zaubernder Taschenspieler mit Worten, der in der Vergangenheit auch schon als »Kafka aus Brooklyn« bezeichnet wurde.
Was Auster seit der Veröffentlichung seiner erfolgreichen New York-Trilogie auch schrieb, es wurde ihm vom Publikum aus den Händen gerissen und gefeiert – vor allem in Deutschland und Frankreich. Selbst ein so schmales Bändchen wie Timbuktu (1999), in dem er ein skurriles Herr-und-Hund-Verhältnis liebevoll skizziert, wurde zu einem literarischen Ereignis hochstilisiert.
Zu großer erzählerischer Form ist Auster noch einmal in seinem letzten Roman Unsichtbar (2010) aufgelaufen, in dessen Mittelpunkt der junge französische Universitätsprofessor Born und der Literaturstudent Adam Walker stehen, die sich Mitte der 1960er Jahre begegnen.
Von Vorruhestand oder Rentnerdasein ist der umtriebige Paul Auster, der mit seiner zweiten Ehefrau, der Erfolgsautorin Siri Hustved in Brooklyn lebt, weit entfernt. Im Juli erscheint (wie alle seine Werke im Rowohlt Verlag) sein neuer Roman Sunset Park in deutscher Übersetzung.
Foto: David Shankbone
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