Bisher jagten mir die leichten Schwankungen einen eher wohligen Schauer über den Rücken, in einer Art seismographischer Sensibilität. Denn oft genug gingen in den letzten zwei Jahren solche Anrufe im Institut um: „Erdbeben!“ – „Wann?“ – „Jetzt!“ – „Wo?“ – „Hier im Institut!“ – „In meinem Büro ist nix!“ – „Bei mir wackelt alles!“ – „Dann komm rüber, hier ist alles ruhig.“
Wären wir vom Freitag auf Samstag um halb vier morgens im Institut gewesen, wäre so ein Dialog wohl um einiges dramatischer abgelaufen. Wir haben später von Kollegen gehört, die sich unter dem Türstock aneinander klammerten oder schnellsten über schwankende Treppen aus dem Haus eilten. Und das waren nur die Berichte aus Santiago. Für Concepción und die Südküste sprechen die Fernsehbilder.
Ich glaubte bislang, Tsunamis und andere Naturkatastrophen finden nur im Fernsehen statt - und wenn in Wirklichkeit, dann ganz weit weg. Jetzt leben wir plötzlich in einem Land im Ausnahmezustand, haben traumatisierte Kollegen, die in Concepción tätig sind oder im Süden gerade auf Urlaub waren. Wir haben Freunde, die Verwandte und Bekannte vermissen oder deren Wohnung nicht mehr bewohnbar ist. Ansonsten gab es die üblichen Begleiterscheinungen: Plünderungen, Stromausfälle, Wasserknappheit, Rationierung.
In Santiago ist mittlerweile weitgehend Normalität eingekehrt, doch in Concepción, an der Küste und in vielen Städten im Süden herrscht nach wie vor Ausnahmezustand. Fast zwei Millionen Menschen haben keine Unterkunft mehr, ganze Strände sind weggespült – eine Herkulesaufgabe für die neue Regierung. Die befürchtet große zweite Welle blieb zum Glück aus, dafür kam Herr Westerwelle für ganze drei Stunden über uns, um sich ein Bild von der Lage zu machen.
Wir selbst kamen zum Glück ohne größeren Schaden davon: Als wir am Sonntag endlich nach Santiago zurückfahren konnten und um Mitternacht in unserer Wohnung im 9. Stock ankamen, erwarteten uns Standboxen und Stehlampe in horizontaler Lage, in der Küche hatten sich Wein-, Pisco- und Likörflaschen auf den Fliesen zu einem klebrigen Gemenge vereinigt. Im Schlafzimmer haben wir intelligente Möbel: Das Bett war einen Meter auf das Fernsehtischchen zugehopst, sodass der Fernseher ganz weich auf die Bettdecken fallen konnte. Von allen Wänden bröckelt der Putz, aber für Renovierungsarbeiten ist es noch zu früh.
Seit dem großen Stoß kamen über 200 starke Nachbeben, teilweise in Stärken über 7. Man wacht nachts immer wieder auf, sieht um sich herum alles schaukeln und hört dieses eigenartige Grollen. Manchmal träumt man es jedoch auch nur oder schreckt aus dem Schlaf, weil sich der andere im Bett bewegt hat.
Allerdings sind wir dienstlich obdachlos. Die Begehung des Instituts fiel erschütternd aus. Das Gebäude ist extrem einsturzgefährdet. Wir mussten den Betrieb sofort einstellen und suchen nun fieberhaft eine Zwischenunterkunft. Den Krisenstab haben wir zunächst in unseren Privatwohnungen eingerichtet. Seit Mittwoch haben wir zumindest ein Notbüro.
Es wird also in den nächsten Wochen alles unter sehr erschwerten Bedingungen ablaufen. Zum Glück sind wir ein eingespieltes Team und die Krise schweißt uns noch mehr zusammen. Das Haupteinstellungskriterium im Institut war, extrem belastbar zu sein. Jetzt sind wir quasi durch nichts mehr zu erschüttern.
Alle Mitarbeiter und Freiwillige sind wohlauf. Der Schulbetrieb in Chile war für diese Woche ausgesetzt. Am dringlichsten für uns ist es jetzt, provisorische Unterrichtsräume zu finden, um nicht den Kundenstamm zu verlieren. Kulturveranstaltungen und Fortbildungen haben wir zunächst auf unbestimmbare Zeit abgesagt. Wir hegen jedoch die Hoffnung, einen Bürokomplex anzumieten, gleich gegenüber meiner Wohnung. Allerdings muss der Vertrag in zehn Tagen unter Dach und Fach sein, sonst verlieren wir das Objekt. Die Zeit drängt - umso schlimmer, dass das Beben nun auch noch die Erdachse verschoben hat und die Tage um 1,26 Mikrosekunden kürzer sind.
Bewegte Grüße aus dem Chaos!
Dein