21.05.2010
Danke, Hank Jones!
Der Pianist Hank Jones ist am 16.Mai im Alter von 91 Jahren in New York gestorben. Jones trat bis kurz vor seinem Tod regelmäßig auf und stand auf dem Programm des New Yorker Jazzclubs Birdland für nächste Woche. Die Jazzwelt verliert einen Meister der Musik mit großartiger Technik, aber noch mehr mit der Bereitschaft, immer musikalische Risiken einzugehen, einen Gentleman auf der Bühne und dahinter und einen Musiker, der die seltene Gabe besaß, seine Kollegen besonders gut klingen zu lassen. Ein paar persönliche Erinnerungen von WOLFRAM KNAUER
Henry 'Hank' Jones wurde 1918 in Vicksburg, Mississippi, geboren. Er wuchs in Pontiac, Michigan, auf, und zwar in einer überaus musikalischen Familie: Seine jüngeren Brüder, der Trompeter und Arrangeur Thad Jones und der Schlagzeuger Elvin Jones, schrieben, wie er, Jazzgeschichte. Seine Einflüsse waren die Einflüsse der 30er Jahre: das mitreißend swingende Stridepiano Fats Wallers, die hohe Kunst des Klaviervirtuosen Earl Hines, die Eleganz Teddy Wilsons. In den 40er Jahren kam Hank Jones nach New York, um mit der Band des Trompeters Hot Lips Page in einem Club auf der legendären 52sten Straße zu spielen. Dort reihte sich Jazzclub an Jazzclub, man konnte in den Lokalen Künstler des ausgehenden Swing und des neuen Bebop hören. Sie müssen sich das vorstellen: Ein junger Musiker kommt auf die 52nd Street, wo in angrenzenden Lokalen seine Heroen spielen: Art Tatum, Nat King Cole, Teddy Wilson, Erroll Garner, Bud Powell. Aber Jones machte sich bald seinen eigenen Namen. Er spielte mit allen Bands. Andy Kirk, John Kirby und Billy Eckstine waren Arbeitgeber, aber auch Coleman Hawkins, Buster Bailey und Charlie Parker. 1947 verpflichtete ihn die First Lady of Song, Ella Fitzgerald, in ihr Trio. 6 Jahre lang begleitete er sie, spielte daneben in den Jam-Session-Bands der Jazz at the Philharmonic- Truppe von Norman Granz, die auch in Europa große Erfolge feierte.
In den 50er Jahren wurde Hank Jones zum meistbeschäftigten Pianisten des Jazz. Platteneinspielungen, an denen er teilhatte, sind nicht mehr zu zählen, sie übersteigen die Tausend bei weitem. Fast jeder Musiker, aus Swing genauso wie aus den modernen Stilrichtungen, nutzte seine Begleitkunst. Er war auf unzähligen Aufnahmen für das Savoy- Label und andere Plattenfirmen zu hören, tourte mit Coleman Hawkins, Benny Goodman, spielte mit Cannonball Adderley genauso wie mit Lester Young. 1959 nahm ihn dann die Fernsehfirma CBS unter Vertrag. Für die nächsten 16 Jahre spielte Hank Jones in Liveshows und mit Studiobands, trat regelmäßig in der Ed Sullivan Show und anderen populären TV- Sendungen auf. Er verließ aber nie den Jazz, war in New York ansässig und dauernd auf Platten mit anderen großen Musikern zu hören. Mitte der 70er Jahre wurde er wieder zum Freelance-Musiker, allerdings zu einem der gefragtesten. Sein Trio mit Ron Carter und Tony Williams überraschte die Jazzwelt mit einer Modernität und musikalischen Reife, wie sie kaum ein anderes Trio besaß. Das "Great Jazz Trio", wie man es nannte, belebte Mitte der 70er Jahre die Kunst des Klaviertrios im Jazz wieder.
1978 dann nahm Hank Jones einmal mehr einen regelmäßigen Job an. Er spielte in der Band der Broadway-Show "Ain't Misbehavin'". Das war eine Art Musical, obwohl der Begriff Revue es wohl besser fassen würde: Drei Sängerinnen, zwei Sänger, darunter die wunderbare Nell Carter, eine siebenköpfige Kapelle mit Arvell Shaw am Kontrabass, Virgil Jones an der Trompete und Seldon Powell am Saxophon. Hank Jones war Pianist und künstlerischer Leiter der Band, die an sechs Abenden die Woche und mittwochs und sonntags auch noch zu nachmittäglichen Vorstellungen von hinten auf einer kleinen Fahrbühne nach vorne gerollt wurde. Der Vorhang hob sich, vom Band erklang die Musik der originalen Fats Waller Band (vom Band), "Ain't Misbehavin'". Hank Jones betrat langsam die Bühne, ganz im Klischee der 30er Jahre gekleidet, Ärmelschoner um die Arme, holte ein Taschentuch hervor, mit dem er den Klavierhocker und die Tasten abstaubte, setzte sich und "übernahm" sozusagen von seinem Vorfahr, und plötzlich wurde die Musik der 1930er Jahre zu einer unglaublich gegenwärtigen Musik.
Damals hatte ich Hank Jones bereits gekannt. Ich hatte ihn beim Festival in Nizza kennengelernt, bei dem er seit 1976 regelmäßig und an mehreren Abenden zu hören war. Als ich Ende der 70er Jahre eine ganze Weile in New York lebte, ging ich oft in "Ain't Misbehavin'" – damals war New York noch erschwinglich, man konnte ohne Probleme eine Broadway-Show und zwei Jazzclubs erleben und danach noch in die Disco gehen (naja... ich war damals noch jung). Und wenn ich Heimweh hatte, gab es zwei Anlaufstellen, die mich mit der Anonymität der Großstadt versöhnten: die Carnegie Tavern, in der Ellis Larkins auftrat, der wie Hank Jones einst ein kongenialer Begleiter Ella Fitzgeralds war; und das Ziegfeld Cafe gegenüber dem Plymouth Theatre auf 45sten Straße, in dem "Ain't Misbehavin'" gegeben wurde. Dort nämlich trat Hank Jones jeden Abend nach der Show auf, in einer kleinen Bar, in die das Publikum der Broadwaystücke nach dem Theater strömte, von denen allerdings niemand, aber wirklich absolut niemand wusste, welch ein legendärer Pianist hier auftrat. Das führte dazu, dass, wenn ich da war, ich meist sein einziger wirklicher Zuhörer war, und nach einer Weile hatte ich die Ehre, Stücke seiner Sets aussuchen zu dürfen. Er fragte mich, "Was willst Du hören?", und ich traute mich kaum, mir etwas zu wünschen.
Mehr als zwei Jahrzehnte später traf ich Hank Jones bei einem Konzert in Deutschland, bei dem er von einem weniger als adäquaten Bassisten begleitet wurde, der normalerweise in Dixielandbands spielte und eine harte Zeit hatte, Hanks harmonischen Ausflügen zu folgen. Trotzdem lächelte Hank Jones den ganzen ersten Set lang, und als ich ihn während der Pause ein wenig bedauerte, meinte er nur, "Ach, ich habe meinen Spaß!", zwinkerte mir zu und sagte: "Wart's ab...!" Und tatsächlich, im zweiten Stück des zweiten Sets sagte er ein “Basssolo unseres großartigen Kontrabassisten" an. Er hatte diesem vorher gesagt, er solle einfach nur Pfundsnoten auf 1 und 3 spielen und ihm den Rest überlassen. Der tat genau dies, und Hank Jones füllte den Rest mit pianistischen Verzierungen auf – nicht zu viel, nicht zu wenig –, und, man mochte es kaum glauben: Das Basssolo klang wunderbar! Da begriff ich, dass ich eine der Fähigkeiten Hank Jones' erlebt hatte, die er in den Jahren gelernt hatte, als er in den Studios oft zweitklassige Sängerinnen begleiten musste. Während des ersten Sets war ich noch verärgert darüber gewesen, wie man ihm einen so schlechten Musiker beiseitestellen konnte; danach war ich froh darüber, erlebt zu haben, wie Hank Jones' große Kunst einen Kollegen weit über seine Fähigkeiten gut klingen lassen konnte. Ich traf Hank ein paar weitere Male, zuletzt im vergangenen Sommer in Salzau. Er hatte große Ohren, Musik war sein Leben, und wir, die ihn im Konzert erleben durften, können uns glücklich schätzen. Danke, Hank Jones!
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