Einem Staat, der die Aufnahme in die Europäischen Union anstrebt, steht solches Vorgehen nicht wohl zu Gesicht. Es weckt ungute Erinnerungen an nationalistische Kampagnen, wie sie gegen den armenischen Journalisten Hrant Dink und den Schriftsteller Orhan Pamuk geführt wurden. Und es weckt die Erinnerung an den inzwischen europaweit bekannten Fall der türkischen Soziologin, Schriftstellerin und Menschenrechtsaktivistin Pinar Selek, die man vor zwölf Jahren, ähnlich wie jetzt Doghan Akhanli, einer Gewalttat beschuldigte, um zu bemänteln, dass gewisse konservativ-nationalistische Kräfte in der türkischen Justiz in Wahrheit eine streitbare Demokratin für immer mundtot machen wollten.
Der 2006 nach über achtjährigem Gerichtsverfahren erfolgte Freispruch wurde Anfang dieses Jahres vom Obersten Kassationsgericht in Ankara aufgehoben, und er-neut droht ihr nun eine lebenslange Freiheitsstrafe. 20 Genau wie Doghan Akhanli hatte sich auch Pinar Selek für die Rechte von Minderheiten eingesetzt, z.B. der Armenier. Sie steht derzeit als Writers-in-Exile-Stipendiatin unter dem Schutz des deutschen P.E.N.-Zentrums. Als Akhanli zum ersten Mal seit 1991 in seine einstige Heimat reisen wollte, um seinen kranken Vater zu besuchen, konnte ihn sein deutscher Pass, den er seit fast zehn Jahren besitzt, nicht vor der Festnahme schützen.
Wir fordern die sofortige Freilassung unseres Kollegen Doghan Akhanli und die umgehende Einstellung des auf mehr als fragwürdigen Ermittlungen beruhenden Verfahrens gegen ihn.
Für das P.E.N.-Zentrum Deutschland und den Verband deutscher Schriftsteller (VS) in ver.di Christa Schuenke Vizepräsidentin (P.E.N.)