Ganz gut kann ich mich noch erinnern, dass wir Unterprimaner nicht schlecht gestaunt haben, als wir bei einem Austausch mit Gleichaltrigen Ende der zeitfernen Sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in England sahen, dass ausgerechnet dort in der Schule “Kochunterricht” eines der Lehr- & Lernfächer war. Schüler & Schülerinnen lernten in Nottingham “Kochen“: was für ein Witz - angesichts der großbritannischen Küche & ihres zurecht schlechten Rufs; aber auch angesichts unseres eigenen, auch höhnischen Desinteresses an diesen “Mädchen- & Frauentätigkeiten”!
Wir hatten damals noch gut lachen, denn noch nicht wurden wir zuhause mit dem heute allgegenwärtigen Fast-Food abgefüttert, und die scheußlichen Macs gab es auch noch nicht. Noch konnten unsere Mütter & Großmütter selbst kochen, gut oder schlecht, mit Liebe zur Sache oder unlustig. Aber zuhause wurde auf jeden Fall gekocht, was die noch nicht entfettete und oft auch mehlpampige “deutsche Küche” hergab - trotz des “Fernsehkochs” Clemens Wilmenroth, der erste Versuche einer deutschen Geschmackszivilisierung unternahm. An Wolfram Siebecks spätere Inthronisation zum deutschen Bocuse dachte damals noch niemand, schon gar nicht Siebeck selbst, der damals noch mit Berichten über Kurz- & Dokumentarfilme sich frugal ernährte; und unsere heutige TV-Gegenwart, in der die zu vielen Fernsehköche den “Brei verderben“ würden, wenn es ihn noch gäbe, wäre niemand als Fata Morgana eines Gourmets avant la lettre vor Augen gekommen. Aber jetzt fielen mir diese verblichenen Vergangenheiten wieder ein, als ich in der Zeitung las, dass in Frankfurter Ganztagsschulen seit 2005 das Modell-Projekt “Frankfood” läuft, bei dem nun erstmals Auszubildende einer Gastronomiefachschule Kochkurse für Neuntklässler leiteten, um ihnen Alternativen zum Fast Food beizubringen und nahe zu legen - offenbar mit Erfolg, auch weil es Gleichaltrige waren, die ihr Wissen & Können weitergaben. Längst weiß man, dass wir uns fast alle falsch & dabei auch noch zu teuer durchfuttern, von einer “gesunden” Ernährung ganz zu schweigen. Vor allem aber, dass die Kochmützen, welche die “Besserverdienenden” als männliche & weibliche Nachäffer von “Alfredissimo” usw. sich für ihre solitären oder gemeinsamen Kochorgien aufsetzen, nur die Sahnehäubchen sind, die einer allgemeinen Essbarbarei und Geschmacksverachtung in Deutschland aufsitzen, die von ganz “unten” bis weit nach “oben” reicht und darin besteht, dass sich niemand mehr das Vergnügen, weil die Mühe macht, sich selbst und seine Familie “zeitaufwendig” zu “bekochen”. Womit ich nicht eine sonntägliche Anstrengung meine, sondern eine alltägliche Selbstverständlichkeit, sich das Essen nicht im Supermarkt, gar abgepackt vorbereiten zu lassen, um es dann bloß noch vor der Glotze nachkauen zu müssen, um “satt“ zu sein.
Angeblich hat keiner die Zeit mehr dazu, wenngleich er sie sich nur nicht nimmt, um sich selbst etwas zuzubereiten; und versuchte er, sie sich zu nehmen, würde er bemerken, dass er (& öfter noch sie) gar nicht mehr gelernt hat, mit der Esszeit als Koch oder Köchin umzugehen: von der Einkaufslogistik über die Speiseplanwirtschaft bis zur individuellen Zubereitung - wohlgemerkt: es geht nur um das einmal Einfachste, das heute so schwer zu machen ist. Die Zahl der “Ungelernten” & Azubis in diesem Bereich der unmittelbarsten Selbstversorgung qua Nahrung ist extrem hoch, weil Erfahrung, Praxis & Erlebnis des Kochens schon nicht mehr in den Familien gelernt wurden; und die unbewusste Selbstverachtung, die sich darin ausdrückt, sich als Essenden zu vernachlässigen, ist besonders bei jenen, die für ihren Lebensunterhalt mit dem Cent eigentlich rechnen müssten, aufs Verschwenderischste verbreitet, obgleich gerade sie ökonomisch rechnen müssten, ob sich die gewöhnliche Bequemlichkeit “rechnet“, Fertiggerichte, Hamburger, Fritten & Pizzas (ohne eigene Zurichtung) zu konsumieren. Sie “rechnet” sich nicht & sie ist zu teuer, billiger wäre es, sich in Eigeninitiative selbst zu versorgen. Deshalb ist das Schulprojekt “Frankfood” ein heller Lichtblick im tristen Augenblick des täglichen Fraßes. Es müsste, es sollte Schule machen in der Schule: generell, für beide Geschlechter. Wer auch in welchem Alter die Schule verlässt, sollte & müsste es zumindest mit dem Grundwissen vom Kochen tun. Die Kinder & Jugendlichen, die ernährungsmäßig von Hause aus verwahrlost sind, können nicht früh und intensiv genug die sinnliche Erfahrung machen, welches Selbst-(& Gemeinschafts-)vergnügen es sein kann, wenigstens im engsten Eigenen der individuellen Ernährung souverän zu wirtschaften: tätig für die eigenen Belange, um (ja!) narzisstisch & genießerisch aus der Nahrungssammlung, -herstellung & -zubereitung täglich Selbstachtung zu gewinnen und sie sich zu bewahren. Wenigstens das; vielleicht ist ja auch das “selfmade-food” (um einen Amerikanismus nicht zu vermeiden) ein Anfang, um mehr & anderes Selbstvertrauen zu generieren, das übers individuelle Wohlbefinden hinausgeht.