Die Verantwortlichen für die peinliche “Lachnummer” (der gesamte Wiesbadener SPD-Unterbezirksvorstand) sind zurückgetreten. Sie haben “keine Erklärung” für das sowohl politische als auch menschliche Fiasko für den von Gott und der SPD verlassenen Ernst-Ewald Roth. Angeblich war jeder der Genossen davon ausgegangen, dass der andere die Routineanmeldung für den Kandidaten vornehme - also de facto, wie geschehen, keiner sich darum kümmern müsse. Als sich dann einer schließlich doch noch ermannte, war die Meldefrist verstrichen, wie der (CDU-) Wahlleiter den düpierten Genossen mitteilte. Dessen wie deren Gesichter hätte ich gerne sehen mögen.
Es fällt einem jedoch schwer, in der Tragikomik des Wiesbadener Schildbürgerstreichs nur das berüchtigte “menschliche Versagen” zu erkennen, das für diese ebenso fatale wie nachhaltige “Verschlafenheit” im Hinblick auf ein bürokratisches Procedere gewiss verantwortlich ist.
Jedoch der dadaistische Witz der zeitgleichen Namensgleichheit der “rothen” OB-Kandidaten, den ein “Zufall” gestiftet hat, der “höher als alle Vernunft” zu sein scheint, animiert zu zwei amüsanten Nebenerklärungen: einer theologischen & einer psychopathologischen.
Die theologische, wonach es dem Herrn missfallen hat, dass ihn sein Knecht & Priester zugunsten der “Roten” verlassen hatte und er ihm mit teuflischer List die Rote Karte gezeigt hat, die den chancenreichen Kirchen-Verräter vom Platz stellte, den er noch gar nicht betreten hatte. Damit er sich erinnere: “Extra ecclesia nulla salus est”.
Die psychopathologische im Namen Sigmund Freuds böte auch eine hilfreiche Erklärung für das “unerklärliche Versehen” der Wiesbadener Genossen an. Sie ist zwar ebenfalls eine Spekulation, aber immerhin eine gottlose: Dieser wohl erste herausragende Versuch der SPD, mit einem parteilosen Unabhängigen eigene Politik zu machen, war womöglich denn doch zu häretisch für die mutig-verzweifelten Genossen. Zwar waren sie bei der Nominierung von Ernst-Ewald Roth kühn über ihre eigene Schatten gesprungen, weil keiner von ihnen mit dem “Stallgeruch” des braven “Parteiarbeiters” dem populären Ex-Priester das Wasser hätte reichen können; aber den letzten Schritt, den parteifremden Außenseiter & “Quereinsteiger” als Wunschkandidaten offiziell anzumelden, traute sich wohl insgeheim auch keiner - “unbewusst”, versteht sich. Deshalb standen sie zuletzt alle als begossene Pudel da.
Nur geringfügig weniger lachhaft verfuhr die Frankfurter SPD mit ihrem Bewerber für den OB-Posten, den sie allerdings ebenso rechtzeitig (zur aussichtslosen Kandidatur) anmeldete, wie auch zugleich der vorauseilenden Lächerlichkeit preisgab. Auf ihren vorweihnachtlichen Wahlplakaten sah man neben dem Konterfei des Kandidaten einen kleinen Pinscher mit einer Nikolausmütze. Beide blickten einen treuherzig an.
Zurecht fragte sich Dany Cohn-Bendit deshalb, ob er etwa einen Hund zum Frankfurter OB wählen solle. Er konnte noch nicht ahnen, dass der Frankfurter Nikolausscherz-mit-Pinscher auch dem misslungenen Coup der Wiesbadener Genossen nachempfunden war: Hatten diese ja (immerhin noch!) mit einem Ex-Priester auf SPD-Stimmenfang gehen wollen, so waren die Frankfurter auf den Hund gekommen, um dessen Halter dem “Stimmvieh” sympathisch erscheinen zu lassen. Wäre es da nicht besser gewesen, wenn auch die Frankfurter Genossen den Anmeldetermin ihres Kandidaten verschlafen hätten?