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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:20

 

Ach, Erik...

25.05.2007

Fortgesetzte Lügen betrügerischer Geschäftsleute

Selbstverständlich ist alles schon gesagt - zum Doping im Radsport: - alles; noch nicht jedoch zu anderen (Winter-) Sportarten, bei denen ähnliche physische “Leistungen” von den Athleten verlangt werden wie bei der Tour de France. Nur: die “Tour” ist für alle an ihr Beteiligten ein riesiger Geschäftsbetrieb. Er lebt von der Ausbeutung unserer Gefühle, Projektionen & Wünsche. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Selbstverständlich ist alles schon gesagt - zum Doping im Radsport: - alles; noch nicht jedoch zu anderen (Winter-) Sportarten, bei denen ähnliche physische “Leistungen” von den Athleten verlangt werden wie bei der Tour de France. Nur: die “Tour” ist für alle an ihr Beteiligten ein riesiger Geschäftsbetrieb. Er lebt von der Ausbeutung unserer Gefühle, Projektionen & Wünsche.

Im individuellen Hochleistungssport sind die Sportler schon längst an ihre physischen Grenzen gelangt, die nur mit Hilfe der Pharmakologie überschritten werden können. Jeder weiß & wusste das, der sich davon dennoch faszinieren ließ; und jene, die immer wieder an “Wunder” der individuellen Willenskraft glauben, fliehen von ihrem besseren Wissen in den romantischen Wunsch, dass es doch anders sein möge. Wie im echten “Kierkegaardschen” Glauben: Credo quia absurdum!
Dennoch schmerzt es, jetzt Erik Zabel geständig zu sehen. Er war der “Sympathieträger“, er schien “eine ehrliche Haut”, ja ein von Grund auf sympathischer Mensch zu sein, mit Witz & Ironie: ein Berliner mit Herz & Schnauze. Er ist es wohl auch; und immer noch! Dass der weltbekannte Vater nun öffentlich - aber auch vor seinem Sohn, der in seine sportlichen Pedalen getreten ist - als jahrelanger Lügner dasteht: das ist zutiefst bitter, peinlich & demütigend. Zum Heulen, ja doch.

Nicht, dass man nach allem, was man wusste und erst recht nach den unverschämt-schamlosen letzten öffentlichen Auftritten von “Jan” (Ullrich) nicht insgeheim gemutmaßt hätte, auch die “ehrliche Berliner Haut” könne kein ganz unbeschriebenes Blatt geblieben sein und einige von Zabels fabelhaften Erfolgen habe er nicht allein seiner sportlichen Askese und physischen Konstitution zu verdanken gehabt; aber hat man nicht eher (ebenso insgeheim) gehofft, dass der Schatten, der von so vielen anderen auf ihn fiel, nie aufgehellt würde? Lieber das fortdauernde Zwielicht als die schockartige Helligkeit der Wahrheit - aber nur bei ihm, weil man ihn geschätzt, gemocht, ja vielleicht “geliebt” hat?


Bevor man zynisch wird, ist man erst einmal sentimental; und die Sentimentalität - selbst, wenn sie sich ihrer Hinfälligkeit bewusst ist - ist allemal besser als der emotionale & geistige Kahlfraß, den der Zynismus in unserer Seele anrichtet, wenn er mit “Illusionslosigkeit“ auftrumpft und unsre Hoffnungen & Wünsche zum Schweigen bringt. Ach, Erik!

Schon fragt man sich, ob sein Geständnis eines einmaligen Fehlverhaltens die ganze Wahrheit sei - oder nicht nur ihr zeitfernster Teil. Denn Zabel war später, angeblich ohne Doping, nicht schlechter, sondern besser & erfolgreicher; und wenn die Konkurrenz vermutlich nicht weniger gedopt hat als die Telecom, dann hieße das eben: Entweder haben die Deutschen gedopt als alle anderen (bis der Meister mit dem starken Arm in diesem Fach alle für ein paar “Tour”-Jahre auf die Plätze verwies); oder Erik Zabel wäre ein solches physisches Wunder gewesen, dass er ohne “a little help from my friends” alle seine gedopten Konkurrenten hinter sich gelassen hätte. An ein solches Wunder zu glauben, ist jetzt nicht mehr erlaubt. Es wäre schlichtweg schwachsinnig.
Also was nun?


Wenn es so ist, dass diese und andere Sportarten gewissermaßen nur unter strengster drogenpolizeilicher Aufsicht und zwar ganzjährig weitgehend drogenfrei stattfinden könnten, aber andererseits die analytische Überführung zeitlich immer hinter der innovativen kriminellen Energie der Drogenpraktiker herhinkt, also nie auf der Höhe der Dealer & Gedopten ist: dann sollte man entweder diesen Spitzensport einstellen oder ihn auf die Stufe des ironischen Augenzwinkerns beim gefakten Catch-as-catch-can herabstufen.


Oder aber - wie bei den römischen Gladiatorenkämpfen oder beim heutigen Formel 1-Rennen - jedem daran beteiligten Athleten, seinen medizinischen Betreuern und Sponsoren ganz & gar freistellen, wie & womit sie ihre Kämpfer fit für die Arena machen. Die willentliche oder bewusst in Kauf genommene physische Selbstzerstörung - in manchen Berufen und individuellen Lebensweisen - ist unserer Gesellschaft sonst ja auch nicht fremd.


Das würde - welche physischen Opfer oder psychischen Krüppel dieser Showkampf auch künftig produzierte - uns jedenfalls die Scham und Demütigung, die Lüge und die Schamlosigkeit ersparen, als deren Opfer wir uns zu Unrecht fühlen, weil wir doch als geile Voyeure und konsumierende Endverbraucher der “sportlichen Wettkämpfe” zu ihren Mitproduzenten, also auch Mittätern gehören - so empört oder deprimiert wir uns nun auch geben.

Ich glaube nicht, dass dieser Vorschlag zynisch ist; zynisch erscheint es mir nach allem, was wie wissen, ahnen und annehmen müssen, jetzt immer noch zu suggerieren, es gäbe die reale Möglichkeit einer Rückkehr zum ungedopten, also physisch-fairen Wettkampf z.B. auf der “Tour de France“. Das ist die fortgesetzte Lüge betrügerischer Geschäftsleute, die dem Publikum einreden wollen, so dumm zu sein, wie sie es wünschen.

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