Die Fragen, ob Martin Walser, Siegfried Lenz oder Dieter Hildebrandt im Alter zwischen 16 und 18 Jahren willentlich & wissentlich, unwillentlich & unwissentlich Mitglieder der NSDAP waren; ob man das in diesem Alter überhaupt sein konnte & durfte; ob man das heute noch unzweifelhaft feststellen kann, ob die Genannten sich daran erinnern können oder sollten, es verschwiegen, vergessen, verdrängt haben oder es jetzt abstreiten oder gar “ableugnen” - diese Fragen & deren öffentliche Diskussion über die NSDAP-Karteikarten der heute Achtzigjährigen sowohl unter den Feuilletonisten als auch unter den von ihnen zur Hilfe gerufenen Schrift- & Bürokratiegelehrten der deutschen Zeitgeschichte, seien es “zuständige Abteilungsleiter” im “Bundesarchiv“, dem “Institut für Zeitgeschichte” oder ehemalige Leiter der “Topografie des Terrors”: - sie sind alle ebenso absurd wie lächerlich, ebenso unerheblich wie schamlos.
Infam aber war es von dem Magazin “Focus“, wie der davon betroffene Martin Walser der SZ berichtete, beim “Bundesarchiv“ einfach mal “nach Akten zur NSDAP-Mitgliedschaft einiger Menschen im Kulturbetrieb” nachzufragen. Nachfragen kann man ja mal, nicht wahr? Aber so unschuldig, wie der Augenaufschlag dieses Satzes sich gibt, war die “Nachfrage” nicht. Das zeigt deren publiziertes Ergebnis.
Warum aber hat keiner der eilfertigen Feuilletonkommentatoren und selbst Lothar Müller in der SZ (2. 7. 07), der die Frage nach der “Wahrheit der Karteikarte” mit der quellenkritischen Unseriosität der “Focus-Recherche” beantwortet und die einander widersprechenden Zeithistoriker zurecht abwatscht, nicht doch die viel naheliegendere Frage gestellt, was der journalistische Sinn & Zweck und das Erkenntnis stiftende Motiv der Anfrage von “Focus” gewesen sei? Also den Fokus des “Cui bono?” auf “Focus“ gerichtet?
Hatte sich denn einer der drei Betroffenen auf seine Alten Tage als jugendlicher Antifaschist aufgespielt oder waren sie als Achtzigjährige wieder zu jugendlichen Nazis geworden, so dass es Grund gab, in ihrer Jugend nachzuforschen?
Nein.
Keines von beiden.
Es gab keinen journalistischen Grund, den “Menschen aus dem Kulturbetrieb” jetzt in das Karteileichengebiet der NSDAP-Mitglieder nachzusteigen; wohl aber einen PR-Grund: öffentlichen Aufmerksamkeitsgewinn.
Das Münchner “Magazin” wollte, nachdem Grassens spätes Waffen-SS-Eingeständnis ein von der FAZ weidlich bis heute ausgebeuteter Medienhype gewesen ist, nun seinerseits (mit läppisch eingezogenen, zweifelhaft aussagekräftigen) “Recherchen” eine “Nachricht” erschaffen, die es schaffen würde, dass von “Focus” die Rede sein würde: - eine “Nachricht”, welche die damit Konfrontierten (wie schon einmal Walter Jens, Peter Wapnewski und Walter Höllerer) als fanatische Jungnazis vorführen und sie zugleich, im Beweis- & Erklärungsnotstand angesichts ihrer Karteikarten, als spät denunzierte Pharisäer & lächerlicher Tröpfe vor Augen stellen würde.
Denn eben genau das ist “Focus” nämlich gelungen (und nichts sonst); und genau das hat das “Magazin” medial produziert, indem es die exklusive “Sensation”, die keine ist (& noch nicht einmal eine Wahrheit), vorab der Konkurrenz als seine, von ihm gerissene Beute zuwarf, damit sich die Toren-Meute auf der Stelle darein verbeißen und kommentierend abspeicheln musste - zur höheren journalistischen “Ehre” des fündig/findig gewordenen “Focus” und zur Schande der damit angeprangerten drei unschuldigen Opfer.
Gesetzt, einer dieser drei oder alle drei wären (wie Grass es beschrieben hat) als Sechzehn- bis Achtzehnjährige fanatisierte Nazis gewesen und hätten sich damit von Hunderttausenden ihrer gleichaltrigen Jung-Volksgenossen durch nichts unterschieden: dann wäre dieses zeittypische damalige Verhalten ein moralisches Nichts gewesen im Vergleich mit der heutigen Infamie eines “Focus”, der ihnen Nazi-Karteikarten vorhält, um sie öffentlich zu wehr- & hilflosen, verstockten Trotteln zu machen - und zwar nur, um das Münchner Montagsmorgen-Magazin ins geschwätzige Gespräch zu bringen.
Schäbiger, scheinheiliger & dreister war die beschränkte Parole des “Focus”-Chefredakteurs Markwort (“Fakten, Fakten, Fakten”) noch nie als Geschäftsmaxime zu “Fiktionen, Fiktionen, Fiktionen” erweitert worden.