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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:21

 

FAZ-Kampagnen- Journalismus contra "Perlentaucher"

19.07.2007

Vom Hecht im Karpfenteich: verwildert

Nach der erfolgreichen Adaption des Kampagnen-Journalismus im Feuilleton der FAZ – wir geben den Ton an, setzen die Themen & reiten, reiten, reiten durch den Tag, durch die Nacht (und reiten sie auch zutode) – ist es nicht verwunderlich, dass Frank Schirrmacher das immer wieder erprobte journalistische Mittel, sich mit seiner straff geführten Mannschaft, die ihm aufs ausgegebene Wort folgt, stetig ins rechte Licht zu setzen, auch noch dazu nutzt, unliebsame mediale Konkurrenz sei´s mit Beschweigen zu strafen, sei´s offensiv & hinterrücks niederzumachen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

In der Printmedienkonkurrenz scheint man sich darauf geeinigt zu haben, dass keine Krähe einer anderen das Auge aushackt. Man kennt sich auf den Managerhöhen von FAZ, Spiegel & BILD, schätzt sich vielleicht nicht persönlich als Schirrmacher, Aust & Diekmann - oder sogar doch: als seinesgleichen publizistische Machtinstitution? Vor allem aber hält man still, wenn einer ein Wild gerissen hat, beteiligt sich allenfalls an seiner Ausweidung; gelegentlich aber betreibt man auch gemeinsam die Jagd: im Falle des späten Grass zogen sie alle an der gleichen Schlinge – wobei die FAZ als Initiatorin am längsten bei der Verfolgung geblieben ist und deren Netz von ihren Auslands-Korrespondenten noch knüpfen ließ.

Denn wer sich gegen die FAZ verteidigt oder sie gar angreift, den klagt sie immerfort an, bis selbst ihren Lesern die Rachsucht ihrer wechselnden Exekutoren zuviel wird.

Im Vergleich zu Günter Grass (& dessen FAZ-Häutung) ist der „Perlentaucher“ ein kleiner Fisch, aber für den Hecht im Karpfenteich denn doch als subversiver Newcomer besonders ärgerlich. Zum einen, weil er gar nicht als Konkurrent im Printbereich auftritt, sondern sich dort aufhält, wo für die FAZ noch Flachwasser ist: im Internet; zum anderen, weil er da einen journalistischen Tätigkeitsbereich entdeckt und kultiviert hat, der aus der Fauna des Primären seinen sekundär erwirtschafteten Gewinn als journalistischen Mehrwert vergleichender, erweiterter, relativierender Information abschöpft (und dabei sich auch die FAZ vornimmt).

Sechsmal die Woche taucht die Crew des Berliner Informationsdienstes nach den journalistischen „Perlen“ der ernstzunehmenden deutschsprachigen Print-Feuilletons und einmal die Woche nach denen in internationalen Zeitschriften aus Kairo, Jerusalem, Budapest, Warschau, Rom, Zürich, Paris, Santiago, Buenos Aires, Neu Delhi, New York und London. Rüdiger Dingeman verfolgt mit seinem „Medienticker“ im „Perlentaucher“ gleiche Ziele & Interessen in der deutschsprachigen Kultur-, Buch- & Medienbranche, sofern sie sich im Internet äußert, und der „Teletaucher“ widmet sich als Vorschau der Kultur im Fernsehen. Daneben hat der „Perlentaucher“ ihm nur eigene Genres entwickelt wie die Korrespondentenberichte „Post aus...“, bringt Buch-Vorabdrucke, Essays, eine Film-, eine Krimi- und eine Bücherkolumne, in welcher der neugierige Arno Widmann seine kunterbunte Lektüre mit Enthusiasmus und Überlegung „vom Nachttisch räumt“. Zur „Berlinale“ trumpft der „Perlentaucher“ mit einer täglichen Berichterstattung auf, von der sich manche Printmedien, was Weite der Blicks, Aktualität, argumentative Intensität und Kritik angeht, mehr als eine Scheibe abschneiden könnten.

Zuletzt aber hat der „Perlentaucher“, der die Vorteilskarte des Internets – Schnelligkeit, Verlinkung, Dauerpräsenz und kommunikative Universalität – voll ausspielt, eine hoch besetzte internationale Multikulturalismus-Debatte geführt, die zwar kaum in Deutschland, aber in anderen Ländern auch von den Printmedien wahrgenommen und aufgegriffen wurde.

Das grenzüberschreitende Instrument

Es war ein erstes herausragendes Zeichen, wozu ein grenzüberschreitendes Instrument wie der „Perlentaucher“ fähig ist, dessen raison d´etre ja gerade in der Leistung besteht, das Feld der Informationen europaweit dicht zu vernetzen. Für die „Bundeszentrale für politische Bildung“ stellt er daneben zusammen mit dem französischen „Courrier International“ u.a. europäischen Institutionen die o­nline-Presseschau für europäische Themen „eurotopics“ zusammen, welche Publikationen aller EU-Länder in Deutsch, Englisch & Französisch auswertet. Seit Dezember 2005 erhält „Perlentaucher“ eine auf drei Jahre befristete Förderung von 1,4 Mio. für das englischsprachige Magazin „signandsight.com“, in dem wichtige Artikel aus den Kulturseiten deutscher Zeitungen ins Englische übersetzt werden.

Man kann die Pionierarbeit der „Perlentaucher“-Crew, als kundige Ausspäher & Scouts das deutsch- wie auch fremdsprachige intellektuelle Geschehen zu beobachten, zu verfolgen und zu dokumentieren, gar nicht hoch genug einschätzen. Das Internet-Magazin öffnet ein virtuelles Tor zur geistigen Welt, das in gleicher Aktualität, Geistesgegenwärtigkeit und Sprachenbreite im Printbereich nicht und nie existiert hat. Die vielsprachige Mannschaft der Perlentaucher sucht jeweils das Thema des gefundenen Artikels durch ein „Summery“ zu pointieren - manchmal mit einem charakterisierenden Zitat, gelegentlich auch durch eine ironische Bemerkung, weist aber dem neugierig gewordenen Leser den Weg zur eigenen Lektüre und Urteilsbildung durch ein Link.

Monatlich 500000 Nutzer, nach Angaben des „Perlentauchers“, haben mittlerweile dessen eminenten Gebrauchswert erkannt und informieren sich dort über den Lauf der Dinge in der Kultur und dem Feuilleton, der politischen und der philosophischen Debatten & Streitfälle oder lassen sich auf die weltweiten Probebohrungen der Internetrechercheure ein. Es werden national und erst recht international gewiss nicht nur die Redakteure und Mitarbeiter der Printmedien sein, sondern in der überwiegenden Mehrzahl auch deren (ständige, ehemalige oder potentielle) Leser, also weltweit kulturell allgemein interessierte Leser.

Aber ein deutscher Zeitungsredakteur, der nicht täglich als erstes den „Perlentaucher“ aufruft, müsste bornierter sein, als es der heutige Printalltag erlaubt. Das sind natürlich erst recht nicht FAZ-Redakteure, trotz ihres und vor allem Frank Schirrmachers Ehrgeiz, Meldungen exklusiv zu machen.

Aber was bringt deren Feuilleton-Herausgeber dazu, den Kulturnachrichtensammler & -vermittler „Perlentaucher“, dessen Erfinder Thierry Chervel erkennbar aus dem doch sonst von der FAZ favorisierten Umfeld der aufmüpfig-anarchischen TAZ stammt, mit gehässig-denunziatorischen Artikeln in die Ecke eines „Staatsknete“ abgreifenden unseriösen Geschäftsmannes stellen zu lassen und den „Perlentaucher“ mit zwei Prozessen zu überziehen?

Bleiben wir erst einmal bei den Prozessen.

In dem einen sah der FAZ-Redakteur Jürgen Kaube durch das „Perlentaucher“-Summary einen seiner Artikel verfälschend annonciert und bekam mit seiner Klage Recht vor Gericht. Solches Verfehlen kann im journalistischen Tagesgeschäft passieren und passiert täglich überall: Berichtigungen & notfalls Gegendarstellungen bezeugen es. Solange ein solches Fehlverhalten nicht zur bewussten Methode im journalistischen Handgemenge wird, ist & bleibt es eine lässliche Sünde, auch wenn sie der FAZ sogleich eine Meldung in eigener Sache wert ist.

Vom Umgang mit geistigem Eigentum

Der andere Prozess ist noch am Laufen, nachdem FAZ (und SZ) in erster Instanz ihn gegen „Perlentaucher“ verloren hatten. Beide Zeitungen klagen dagegen, dass das Internetmagazin seine Zusammenfassungen von Buchrezensionen, die u.a. in beiden Zeitungen erschienen sind, dem Internet-Buchhändler „buecher.de“ verkauft - und damit einen seiner Gewinne macht.

Nun kann ich sehr wohl & gut als Rezensent verstehen, dass es einem nicht recht ist, die eigene argumentativ entfaltete Kritik auf ein resümierendes Kurz-Urteil zusammengepresst zu sehen - wenngleich die Verlage einen ja gelegentlich mit einem lobenden Satz noch stärker instrumentalisieren, was die Eitelkeit sich so sehr gefallen lässt, dass manche Rezensenten im Verdacht stehen, bewusst zitierfähig in ihren Kritiken zu formulieren.

Die FAZ aber, die hier gegen die geschäftliche Zudringlichkeit von „Perlentaucher“ vor Gericht geht, tut es jedoch nicht, um die Integrität der Literaturkritik willen, sondern aus eigenen geschäftlichen Verwertungsgründen.

Sie verlangt nämlich von ihren Freien Mitarbeitern (von ihren Redakteuren ohnehin), dass die Zeitung für ein einmal gezahltes Veröffentlichungshonorar auf unbeschränkte Zeit (also auf immer) alle Rechte und jede Art der künftigen Verwertung – ausdrücklich eben auch die einer auszugsweisen oder summierenden – an einem Beitrag erworben hat. Wenn das nicht ein totalitärer Zugriff auf das Urheberrecht ist, wüsste ich nicht, wie man einen solchen „Knebelvertrag“ denn anders nennen sollte!

Hatte bis in die neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Zeitung einen Beitrag mit seiner Honorierung nur zur einmaligen Publikation erworben und blieb der Urheber danach selbstverständlich auch der Rechteinhaber an seiner eigenen Arbeit, so geht dieser FAZ- Knebelvertrag wieder in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück, als deutsche Verleger von einem Autor dessen Werk mit der Publikation und Honorierung als ihr ausschließliches Eigentum erwarben. Gegen diese enteignende Verlegerpraxis haben sich unsere Klassiker von Lessing an erfolgreich zur Wehr gesetzt. Diese „gute Sitte“ gilt offenbar heute zwar noch bei den Buchverlagen, aber in weiten Teilen des deutschen Printjournalismus nicht mehr.

Was, könnte man analog zu dem bekannten Brechtschen Aphorismus über die Harmlosigkeit eines Bankeinbruchs im Vergleich zur Gründung einer Bank sich fragen, ist der Zugriff des „Perlentauchers“ auf das Werk eines Urhebers gegenüber dessen erzwungener Totalenteignung durch die FAZ?

Wie auch immer dieser Prozess nun ausgehen mag: ein FAZ-Leser wird davon wahrscheinlich nichts erfahren, sollte die Zeitung ein zweites Mal scheitern. Könnte man dem aber nicht vorbeugen, indem man dem womöglich die FAZ lesenden Richter für seine Urteilsfindung mit unschuldigem Augenaufschlag mitteilt, welches unehrenwerte Geschäftsunternehmen die FAZ mit dem „Perlentaucher“ vor seinen Richterstuhl zitiert hat?

Der Freie Mitarbeiter wird an die Front geschickt

Denn verwunderlich mag es einem denn doch erscheinen, dass weniger als einen Monat vor dem Gerichtstermin am 24. Juli das Frankfurter Printmedium einen schon vor einem halben Jahr bei der Berliner „Perlentaucher“- Redaktion recherchierten Artikel am 29. Juni ins Blatt hob, den Kaubeschen Prozesserfolg gegen den „Perlentaucher“ zugleich reißerisch daneben platzierte - dem FAZ-Leser aber wohlweislich verschwieg, dass man selbst Partei sei und in zweiter Instanz den „Perlentaucher“ verklage. Ein klarer Fall publizistischen Machtmissbrauchs.

Nachdem Jürgen Kaube u.a. FAZ-Redakteure ihr immer gleiches Häme-Pulver gegen Chervel & seine Mannschaft verschossen haben („hat sich seine Subventionen besorgt“, „üppig subventioniertes Unternehmen“, „staatlich bezuschusster Betrieb“, die „spendablen Damen und Herren der Bundeskulturstiftung“), durfte nun der Freie Mitarbeiter Olaf Sundermeyer des Master´s Voice nachbeten und unter dem gerichtsnotorischen Titel „Die Gedanken der anderen“ die bereits von der frommen Denkungsart der Redakteure gut geölten „Gedanken der FAZ“ als „Freier“ diesmal ad personam positionieren.

So bekommt Chervel eine Rezension seiner Locken, aber in Tateinheit mit der dubiosen Nachrede, er sei ein „kundiger Geschäftsmann, dem immer wieder neue Kniffe einfallen, mit ein und demselben Gut Geld zu verdienen: mit den aufgeschriebenen Gedanken anderer Leute“. Damit soll nicht etwa ein Siegfried Unseld des Journalismus charakterisiert, sondern der historisch instrumentalisierte Typus eines sogenannten „raffenden“ Kapitalisten assoziiert werden, der von „schaffenden“ Kapitalisten sich schmarotzerhaft ernährt.

Auf Heller & Pfennig, i.e. ¤ & Cent, hat der Freie FAZ-Mathematiker ausgerechnet, was das nach einer europaweiten Ausschreibung von „Perlentaucher“ an Land gezogene „eurotopics“ pro Abonnent „den Steuerzahler kostet“, der als Wink mit einem leibhaftigen Zaunpfahl nun seinen drohenden Auftritt hat. Und „wenn das hier nicht Berlin wäre, wo die Subvention eine Art Alltagskultur ist“, seufzt Sundermeyer an anderer Stelle, so „käme man unweigerlich auf den Bund der Steuerzahler“. Subtiler kann man eine Denunziation kaum anbringen. Da aber der große Zampano (noch) nicht zu Stelle ist, nimmt Sundermeyer Thorsten Schilling, den o­nline-Verantwortlichen der „Bundeszentrale für politische Bildung“, in sein Visier, der ebenso „wie Thierry Chervel zu den Berlinern gehört, die sich schwarz kleiden“, also erkennbar der selben Mischpoke angehören, wie der provinzielle Blick schnell erkennt.

Schwarze Kleidung, ein Fensterblick & 1 Umzug

Ebenso neidvoll wie hinterhältig heißt es dann von Schilling, er habe „wohl das, was man einen Traumjob nennt. Und er muss dabei nicht so auf das Geld achten“, wie ein armseliger Freier Mitarbeiter der FAZ, der für sein bescheidenes Honorar Zeilen schinden muss. Sundermeyers Ranküne, die auf das schon weidlich geweckte Ressentiment des FAZ-Lesers spekuliert, macht noch aus der Erwähnung, dass Schilling „aus dem Fenster seines riesigen Büros im historischen 'Deutschlandhaus' auf den Anhalter Bahnhof (schaut)“, einen subtilen Vorwurf, wie auch aus dem Umzug der „Perlentaucher“- Redaktion vom „Berliner Großmarktbezirk Moabit“ in eine „noble Adresse an der Chausseestraße in Mitte“ der gewünschte Eindruck entsteht, der spendable Herr Schilling habe haufenweise öffentliche Gelder zum Fenster hinaus geschmissen, die der gleich ihm schwarz gekleidete Herr Chervel mit einem seiner immer neuen Kniffe an sich gebracht habe, und da er mit dieser fetten Beute ebenso fahrlässig wie ineffektiv wo nicht zweckentfremdend umgehe, könne er nun mit seinem expandierenden, unseriösen Geschäftsunternehmen der FAZ in Berlin Mitte auf die Pelle rücken.
„Mission accomplished“, um mit George Bush Jr. zu sprechen.

Nur: der Frankfurter Richter, dem möglicherweise diese üble Nachrede auf den Grimme-Preisträger „Perlentaucher“ zugedacht war, hat den Prozessbeginn, dem sie als vorauseilende Handreichung der FAZ zu seiner Urteilsfindung zugedacht war, jetzt vom 24 Juli auf den 9. Oktober vertagt. Auch diese Bedenkzeit wird die FAZ wohl nicht zur Vernunft bringen.Der „Perlentaucher“ wäre aber gut beraten, nachdem er „In eigener Sache“ tätig geworden ist, künftig weder seinen ironischen Schneid, noch seine Souveränität davon tangieren zu lassen.

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