Kürzlich wurde der Dirigent und Komponist Michael Gielen 80 Jahre alt. In einer Gesprächs- Sendung des Hessischen Rundfunks („Doppelkopf“, II. Programm) wurde Gielen befragt zu seinen musikalischen Vorstellungen und seinen politischen Ansichten. Mit letztern hat er immer sowenig hinterm Berg gehalten wie mit ersteren. Könnte es sein, dass bei Gielen das eine mit dem anderen zutiefst zu tun hat?
Gielen ist ein bekennender Linker, Republikaner und mehr als ein sozialer Demokrat. In der Großen Französischen Revolution würde er wohl zu den Jakobinern gehört haben. Seine musikalischen Vorstellungen sind sowohl von dem Dirigenten Erich Kleiber, als auch von der Musiktheorie Theodor W. Adornos geprägt. Gielens oberstes Ziel als Dirigent ist die „Transparenz“ des musikalischen Materials und die Evokation von dessen kompositorischer Verarbeitung. Schönheit heißt für Gielen Klarheit der Darstellung, Durchsichtigkeit auf alle in der Komposition vorhandenen, entfalteten Bewegungen, Kontraste, Auseinandersetzungen, damit der Zuhörer jederzeit die volle Möglichkeit hat, der kompositorischen Arbeit zu folgen.
Man wird das Gielensche Ziel seiner Dirigate darin sehen müssen, die „Musik zu verstehen“, was selbstverständlich im Bezug auf die nichtsprachliche, nichtbildliche Abstraktheit der Musik eine „Metapher“ bleiben muss. Sie wird aber sinnlich augenfällig, wenn man die Interpretation einer Partitur der Exegese eines Bildes gleichsetzt, bei der ja der Betrachter dann in das Bild eintritt und in ihm sich bewegt, wenn er den (ersten) Gesamteindruck verlässt zugunsten einer immer detaillierteren Analyse der im Bild vorhandenen Bezüge, Verhältnisse, Signale, Anspielungen, „Erzählungen“.
Möglicherweise wird der Betrachter dadurch, am Ende einer interpretierenden „Lektüre“, sogar zu einem anderen Gesamteindruck als dem ersten finden, jedenfalls aber zu einem „Verständnis“, welches das Bild erst „transparent“, plastisch und vielgestaltig und die jeweilige kompositorische Arbeit (also „die Kunst des Künstlers“) nachvollziehbar macht. Damit eignet sich der Zuschauer oder Zuhörer den Kunstgegenstand an. Er ist beteiligter Teilhaber eines kreativen Prozesses, dessen innere „ästhetische Logik“ ihm dadurch erst „verständlich“ wird. Als eine solche „Lesart“ der Partitur und deren interpretierenden akustischer Vergegenwärtigung wird man Michael Gielens Kunst der Interpretation ansehen dürfen.
Selbstverständlich ist das der höchste Begriff eines Kunstverständnisses und Kunstgenusses, der ebenso schwierig wie auch selten erreichbar sein dürfte – weil wir doch alle mehr oder minder „Laien“ bleiben: als Musikhörer oder Museumsbesucher. Im seltensten Fall sind wir ja Künstler oder wirkliche „Kenner“ (im Falle von Musik: praktizierende Spieler), sondern allenfalls „erfahrene“ Liebhaber und affizierte Enthusiasten.
Michael Gielens Intention der Interpretation – die nicht unwesentlich davon bestimmt sein dürfte, dass er selbst Komponist und mit Schönbergs Musik aufgewachsen ist (also einen „intimen“ Umgang mit Musik pflegen kann) – hat den „Kenner“ vor Augen, dessen kritischem Blick er standhalten und dessen legitimen Forderungen an eine adäquate Interpretation er entsprechen will. Darunter „macht“ er es nicht. Aber auch als „Laien“ haben wir Gewinn davon, weil wir bei ihm mehr & anderes hören – als das uns schon Geläufig-Bekannte, das plötzlich unter Gielens Händen, so homogen nicht mehr erscheint, wie wir es in Erinnerung hatten, sondern „rauer“, „zerklüfteter“, komplexer.
Denn Gielen reaktiviert das in der Partitur sedimentierte Werk durch seine Interpretation nicht nur wie jeder große Dirigent als einen Organismus, sondern als: „work in progress“ – als lebendig gewordene Verflüssigung des durch Niederschrift sowohl Tradierten als auch Versteinerten, bzw. durch seine Interpretationsgeschichte Verkrusteten.
Aber nicht durch den „Individualstil“ des dirigierenden Interpreten, wie so häufig, will er Distinktionsgewinne für das eigene Renommee einfahren. Sondern – und das reflektiert seine radikaldemokratisch-republikanische politische Haltung in seiner musikalischen Praxis – indem er eine Transparenz der musikalischen Faktur anstrebt, bei der zwar die vom Komponisten notierte Hierarchie der verarbeiteten Themen nicht negiert wird, aber im Ensemble der Stimmen, Instrumente & musikalischen Verarbeitungen, auch die „begleitenden“, „zurückgesetzten“, „ornamentalen“ Partien gleichzeitig hörbar werden & identifizierbar bleiben: stärker, akzentuierter als bei den meisten anderen Dirigenten.
Die Partitur ist, gewissermaßen, für Gielen ein gesellschaftliches Ensemble, bei dem jeder Part individuell konturierter Teil des durch den Zusammenklang des Ensembles hergestellten Gesamteindrucks bleibt. Vernachlässigt („unterdrückt“, „vermanscht“) man durch Homogenisierung das gesellschaftlich vereinigte Ensemble der am Gesamtprodukt des Kunstwerks beteiligten, mitwirkenden „Nebenstimmen“ oder (unter)stützenden Partialtätigkeiten, so negierte diese Interpretation das der bürgerlichen Gesellschaft inhärente Prinzip der Individuation, das in der künstlerisch durchgebildeten, ästhetisch relevanten großen Musik von Haydn bis Mahler, von Mozart bis Puccini präsent ist: als deren ästhetische Utopie.
In metaphorischer Weise könnte man sagen, dass Michael Gielens interpretatorische Handlungsweise sowohl den Citoyen-Maximen der Französischen Revolution folgt („Freiheit/ Gleichheit/Brüderlichkeit“), als auch der Erkenntnis, dass die Polyphonie fortbesteht, welche am Übergang vom musikalischen Barock Bachs zur sogenannt „galanten“ Musik der Wiener Klassik „aufgegeben“, „verabschiedet“, „homophonisiert“ worden sein soll. Sie hat das barocke Korsett abgelegt, ist aber als emanzipierte Stimmführung des Individuellen auf die vielfältigste Art & Weise fortgesetzt worden. Es kommt aber darauf an, sie hör- & erfahrbar zu machen – wider die pazifizierende Tendenz von Gesellschaft und Rezeption, die auf glättende Harmonisierung und repressive Hierarchisierung zielt, um die ungelöste Spannung der großen klassisch-romantischen Musik, die vom „Unabgegoltenen“ (Bloch) bewegt wird, still zu stellen, indem sie zum Konsumgegenstand eines interesselosen Wohlgefallens am repetierten, „überwältigenden“ historischen „Schönen“ wird.
Es versteht sich von selbst, dass derlei Gielensche „Neutönerei“, die dem vom Komponisten Intendierten jedoch nur zu seinem Recht verhilft, auf Anhieb Zuhörer irritiert. Nicht wenige fühlen sich um ihren erwarteten, sprich: eingeschliffenen „Kunstgenuss“ betrogen, weil hier akustisch mehr von ihnen verlangt wird, als ihnen recht und bislang billig war. Sie glauben sich gewissermaßen mit „Rohkost“ & einem „Rezept“ konfrontiert, wo sie doch Bocuses blendende Zurichtungen zum Verzehr erwartet hatten.
Bei Gielen ist man (um im Bild zu bleiben) in der Tat: „in der Küche“. Man sieht (pardon: man hört), womit und wie „gekocht“ wurde & wird. Mancher Esser will das nicht wissen, sondern „nur genießen“. Dabei ist der Dirigent Gielen gar nicht zimperlich und/oder langweilig „akademisch“, sondern leidenschaftlich bei der Sache. Dieser „Intellektuelle des Taktstocks“ versteht, wo es von der Partitur verlangt wird, so wohl „schmissig“ als auch gefühlsintensiv zu musizieren, nie aber „pampig“; und immer hellwach.
Vielleicht kann man seinen Dank für seine Kunst der vergegenwärtigenden Interpretation so zusammenfassen – und das träfe auch auf andere Künste zu -: er entlässt einen nie aus der individuellen Verantwortung, sich am eigenen Kunstgenuss aktiv zu beteiligen.