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Krasse Borniertheit

22.10.2007

Die FAZ im Ausnahmezustand

Seit es den “real existierenden Sozialismus” östlicher Prägung nicht mehr gibt, hat dessen Methode, unliebsame Autoren öffentlich totzuschweigen, einzig in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung noch eine Heimstatt gefunden. Wie schön, das zu wissen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Nach Carl Schmitts berühmtesten Diktum gilt als “souverän, wer über den Ausnahmezustand verfügt”. Der Diktatoren-Satz ist im Feuilleton der FAZ nicht nur allseits bekannt. Die “Zeitung für Deutschland” handelt auch publizistisch danach: exklusiv setzt sie publizistische Events und verfügt souverän darüber: mit Lärm oder Verschwiegenheit.

Seit jüngstem wirbt sie auch wieder mit dem Slogan, dem sie einstens (im vergangenen Jahrhundert) ihren Distinktionsgewinn zu verdanken glaubte: “Dahinter steckt immer ein kluger Kopf” - nämlich hinter der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”. Eben erst hat sie die amtierende “Bundesministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend“, Ursula von der Leyen, dafür gewonnen, ihren klugen Kopf hinter einer FAZ-Verlagswerbung zu verstecken und für die vom Auflagenschwund heimgesuchte Tageszeitung als “Intelligenzblatt” einer anspruchsloser gewordenen Jugend zu werben, der die alte FAZ vermeintlich nur optisch zu reaktionär geworden war. Deshalb hat das Frankfurter Blatt sein Layout so “modernisiert” und seine “Anmutung” derart ins Fade aufgelichtet, dass es sein traditionelles “Aufstellungsmerkmal” verloren hat, das die FAZ bislang “unverwechselbar” eigen gemacht hatte. Zugleich hat die FAZ sich damit aber auch um das sichtbarste Signum ihrer “Souveränität” gebracht - zumindest in den Augen ihrer Abonnenten & auch derer, die vor allem das FAZ-Feuilleton (meinetwegen: zähneknirschend) als das “führende” in der deutschen Tagespresse respektieren mussten.
“Souverän” will sie aber auch weiterhin agieren, wenngleich ihre äußerliche Erscheinung nach dem “Relaunch” weniger dem Zustand einer auffälligen Ausnahme, als der verwechselbaren Designer-Regel entspricht.

Rachsüchtig & keinkariert

Die Allmacht, die der unumschränkte Herrscher, der “Souverän”, besitzt, ist jedoch erst wirklich & offensichtlich “souverän“, wenn der Allmächtige sich erlaubt, hin & wieder oder auch nur momentan von seiner Macht abzusehen und sie nicht auszuüben. “Souverän” nennt man deshalb im alltäglichen Gebrauch des Wortes jemanden, der “über seinen Schatten springt” und (meistens unerwartet, also überraschend) gegen seine Allmacht verstößt und sogar einem “Feind” den “schuldigen” Respekt erweist (feudalistisch gesprochen). Darin würde sich (mit machiavellistischem Kalkül gedacht) erst aufs Subtilste die Suprematie des “Souveräns” erweisen.

Dazu ist aber die Frankfurter Allgemeine Zeitung nicht in der Lage. Sie ist unsouverän, nämlich zu (all)gemein & borniert, zu rachsüchtig & egozentrisch, zu kleinkariert & (ja) dumm und dreist, um dem eigenen Anspruch des feudalistischen “Souveräns für Deutschland” zu entsprechen.

Das offenbarte ihr jetziger Umgang mit dem 80. Geburtstag des deutschen Literaturnobelpreisträgers Günter Grass, dem sie eine exzentrische, wahrhaft idiotistische Glosse widmete - und sonst nichts. Dem Autor des seltsamen Gemurmels ist diese Grille nicht anzukreiden, der Feuilletonredaktion in toto aber sehr wohl.

Denn natürlich war diese Respektlosigkeit angesichts einer längst literaturhistorisch fixierten Leistung des Jubilars als deren demonstratives Ignorieren bewusst geplant und als öffentliche Ächtung inszeniert worden. Ignoranz kann man es deshalb nicht nennen, weil sie dort sehr wohl wissen, was sie tun, resp. angehalten wurden, zu unterlassen - nach Frank Schirrmachers nachtragender Verfolgungsjagd auf den weidlich journalistisch gehäuteten und weidmännisch ausgeschlachteten Grass, an dessen kooperativen autobiografischen Ausschweifungen man sich zuvor spekulativ & spektakulär gemästet hatte. Und als der zuerst mit einer FAZ-Sonderbeilage “geehrte” Selberlebensbeschreiber sich gegen seine journalistische FAZ-Verwurstung öffentlich zur Wehr setzte, war er, wo immer er den Mund aufmachte, zum Freiwild der zur Jagd animierten FAZ-Korrespondenten geworden.

Präzeptor Germaniae

Es ist ein unübersehbares Zeichen von schofler Kleinlichkeit und publizistischer Anmaßung der FAZ, sich als Präzeptor Germaniae aufzuspielen, der den jetzt achtzig Jahre alt gewordenen, weltweit bekannten deutschen Autor an seinem Geburtstag statt seine Achtung zu erweisen, ächtet.

Keine Zeitung in Deutschland hat jetzt ein literarisches Resümee des Grassschen Oeuvres oder seiner Person unterlassen - wie kritisch auch immer, aber selbstverständlich! Nur “Eine Zeitung für Deutschland” hat dem Ressentiment einer beleidigten Leberwurst, in persona ihres Feuilleton-Herausgebers, nachgegeben und mit demonstrativer Verachtung eine bürgerliche Höflichkeit & journalistische Selbstverständlichkeit missachtet, weil sie sich für den solitären Souverän hält, der den Ausnahmezustand über den lebenden Jubilar verfügt. Seit es den “real existierenden Sozialismus” östlicher Prägung nicht mehr gibt, hat dessen Methode, unliebsame Autoren öffentlich totzuschweigen, einzig in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung noch eine Heimstatt gefunden. Wie schön, das zu wissen.

Dort ist auch der kluge Kopf der siebenfachen Mutter von der Leyen, die gerade bundesweit Kinder zu Denunziantendiensten im öffentlichen Wohl rekrutieren wollte, als Werbeträger gut aufgehoben. Wie doch eins zum anderen findet!

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