Wenn es wirklich so gewesen wäre, dass die Denunziation des ihm Fremden ein Freundesdienst Milan Kunderas war, weil Dvoracek im Studentenwohnheim bei einer ehemaligen Geliebten übernachten wollte, die aber, weil Dvoracek 1948 nach dem Putsch der Kommunisten in den Westen geflohen war, mittlerweile zu einem anderen Studenten eine Liebesbeziehung unterhielt, der mit Milan Kundera befreundet und durch das klandestine Auftauchen seines Vorgängers und Konkurrenten eifersüchtig geworden war? Und wenn der Liebeskonkurrent Dvoracek, der vom Freund des Betroffenen verpfiffen worden war, zugleich ein Kurier des Vorläufers der CIA war - was die hohe Haftstrafe des Festgenommenen erklärt?
Wenn es also so (oder so ähnlich) wie in einem Roman des seit 1959 Prosa publizierenden, mit dem Roman “Der Scherz” (1967) berühmt gewordenen, seit 1975 im französischen Exil lebenden Milan Kundera abgelaufen wäre, wie jetzt der Historiker eines staatlichen “Instituts für das Studium totalitärer Regime” in Prag behauptet und ein Polizeiprotokoll vorweisen kann, das aber nicht von dem angeblichen Denunzianten unterzeichnet ist?
“Attentat auf einen Autor“?
Der 79jährige Milan Kundera in Paris hat den Bericht als eine Lüge und als “Attentat auf einen Autor” bezeichnet. Obwohl er 1956 erneut der KP beigetreten war, 1967/68 zu den wichtigsten öffentlichen Vertretern des “Prager Frühlings“ gehörte und nach dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts seine Ämter an der Prager Filmhochschule verlor und mit Berufsverbot belegt worden war, ist er nicht als Sympathisant des Kommunismus hervorgetreten - weder literarisch noch politisch.
Folgt man dem nun denunzierten Schriftsteller, der seit 1980 französischer Staatsbürger ist und eine Reihe seiner späten Romane auf Französisch geschrieben hat und heute noch ein prekäres Verhältnis zu seinem Geburtsland (& dieses zu ihm) und dort viele Neider hat, müsste es sich um eine (von wem?) ebenso gefälschte wie initiierte Legende handeln, um ihn persönlich und sein Oeuvre von Grund auf zu diskreditieren.
Das scheint nun schon geschehen, wenn nicht zweifelsfrei der jetzt erhobene Vorwurf gegen Kundera als vorsätzliche Fälschung historischer Dokumente aus der Welt geschafft werden kann. Ist das möglich?
Geht man aber von der schlimmsten Möglichkeit aus - Kunderas Denunziation - , so hat der 20jährige kommunistische Student, dem kurz darauf “feindliches Denken” von der Partei attestiert & aus ihr verstoßen wurde, einem Gleichaltrigen zu einem 14jährigen Freiheitsentzug “verholfen” - nicht aus Eigeninteresse, sondern um einem damaligen Freund in einem erotischen Konfliktfall zu helfen.
Aus dem Polizeiprotokoll ist immerhin zweifelsfrei zu entnehmen, dass weder der Denunziant noch die Polizei ahnte, dass Dvoracek ein westlicher Agent und damit seine Denunziation einem “Uriasbrief” hätte entsprechen und Dvoracek (wie König Davids erotischen Konkurrenten) den Tod hätte bringen können. Denn offenbar hat Dvoracek erst später während seiner Verhöre gestanden, als Agent eingereist zu sein - ein Schicksal, das er übrigens mit Walter Kempowski teilt, der wegen des gleichen Delikts acht Jahre in Bautzen gesessen hatte.
Hat der spätere tschechische Schriftsteller die bösen Folgen seines naiven Freundesdienstes (oder war es der Übereifer eines Jungkommunisten?) einerseits verdrängt, andererseits sie womöglich in seinem ersten Roman doch noch literarisch “verarbeitet”? Denn der “Scherz“, den sich ein enttäuschter Liebhaber mit einer politisch anzüglichen Bemerkung auf einer Postkarte an seine Freundin erlaubt, die auf einem Schulungskurs der Partei ist und das private Corpus delicti dem Parteiausschuss übergibt und ihren Liebhaber damit denunziert, hat für ihn katastrophale Folgen: Er wird aus der Partei geworfen, als vermeintlicher “Trotzkist” verhört, in die Armee eingezogen und muss in einem Strafbataillon der Armee in Kohlegruben dienen.
Die Assonanzen zwischen dem angeblichen Vorfall am 14. März 1950 und Milan Kunderas Roman “ Der Scherz” von 1967 sind (als quid pro quo von Erotik & Politik) verführerisch für jede nun mögliche Spekulation - auch für die einer danach vorgenommenen, nachträglichen Fälschung.
Schuldhaftes Vergehen?
Aber auch die Annahme des schuldhaften Vergehens, das der “reife” Kundera gewiss über die “naive” und unbedachte Tat des jugendlichen empfunden haben dürfte, wäre in seinem Oeuvre als eine von dessen pessimistischen Grundkonstanten virulent. Er hat sie in seiner Polemik gegen Nietzsches Amor fati der “Ewigen Wiederkehr” in der “Unerträglichen Leichtigkeit des Seins” am klarsten thematisiert, indem er die Tragik der menschlichen Existenz darin sieht, dass wir unsere entscheidenden Erfahrungen immer zu spät machen und da wir unser Leben nicht wiederholen können, sie dadurch entwertet werden, wenn nicht gar folgenlos bleiben.
Wie jedes literarische Oeuvre geht gewiss auch das Milan Kunderas aus der Erfahrung des Mangels und der Verletzung hervor. Manche Autoren umkreisen langfristig ein persönliches Versagen oder eine Grunderfahrung, ohne beides zu benennen, wenngleich darin der insgeheime, auch unbewusste Motor der künstlerischen Kreativität verborgen ist: ob bei Dostojewski, Dickens oder Thomas Mann e tutti quanti. Dass sie die “Scham” ihres intimen Lebens durch ihr Werk “überleben” (& tilgen), war ihre lebenslange Anstrengung; wenn ihr Geheimnis von anderen aber gelüftet würde, würden sie sich, am Ende von Kafkas “Der Prozess“ wie Josef K. vorkommen, dem sich die Hand des einen der zwei “Herren” (der Öffentlichkeit) an die Gurgel legt, während der andere das Messer ihm ins Herz stieß und zweimal dort drehte - nämlich: “ Wie ein Hund!“
Dieses “Geheimnis” - das wohl jeder Mensch, wenn er sich nur weit genug erforscht, besitzt und für sich behält - ist jedoch nicht “der Schlüssel”, mit dem die Komplexität der künstlerischen Emanationen und deren ästhetischer Wert “geöffnet” werden könnte und - als damit als “durchschauter” - hinfällig würde. Selbst wenn zuträfe, was dem 79jährigen Milan Kundera nun als folgenreiche “Jugendsünde” einer Denunziation des 21jährigen vorgehalten wird, entwertete es nicht seine schriftstellerische Existenz und sein literarisches Werk. Ebenso wenig wie Günter Grass´ spätes Eingeständnis seiner zeitweiligen Zugehörigkeit zur “Waffen-SS” als Jugendlicher sein literarisches Werk tangiert, sondern nur seine vielfachen öffentlichen Aufforderungen an andere, deren Biografie rückhaltlos offen zu legen. Solchen Pharisäertums hätte sich Kundera nicht schuldig gemacht.
Das persönliche Dilemma, in dem sich jetzt der große tschechische Autor befindet (und das speziell totalitären Gesellschaften inhärent ist), könnte man wiederum mit zwei Kafka-Sätzen markieren: dem ersten aus dem “Prozeß” (“Jemand mußte Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet”) und dem letzten der Erzählung “Ein Landarzt”(“Einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt - es ist niemals gutzumachen“). 