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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:29

 

Ein Wort für Mehdorn

09.04.2009

Abschiedswalzer

Es wird schwer sein, ohne “the man you love to hate”, also den Cagney-Wiedergänger und den “Mielke von der Bahn“, vulgo: Hartmut Mehdorn, künftig bei der Betrachtung unserer deutschen Gegenwart auszukommen. Gegen ihn waren Josef Ackermann mit seinem Victory-Zeichen oder Hilmar Kopper mit seinen sprichwörtlichen “Peanuts” bloß lachhafte Waisenknaben - nur Banker(te) eben, keine Manager wie Mehdorn: ein gerne groß herausragender Solitär unter den deutschen Vertretern des nicht zuletzt durch ihn in moralischen Verruf gekommenen Berufsstandes. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Denn keiner hat - jenem berühmten Schweizer Winkelried gleichend - alle Waffen der Kritik derart heroisch auf sich und seine stolze Brust gezogen, wie der körperlich zwar kleine, aber großartig zähe Berliner Bahnchef. Und keiner hat, ebenso einem Condottiere der italienischen Renaissance wie seinem erklärten Vorbild Napoleon nacheifernd, im jahrelangen Getümmel und während der zahlreichen Schlachten um seine Person vom Feldherrnhügel seines Selbstwertgefühls auf Volksvertreter wie den von ihm zur lächerlichen Figur zusammengestauchten Verkehrsminister Tiefensee grinsend herabgeschaut - von anderen (wie unsereins) lästigen Widerrednern ganz abgesehen. Auch konnte keiner seinesgleichen ihn daran hindern, das öffentliche Image des Großmanagers, dessen erklärtes und von den Politikern erwünschtes Ziel es war, eine der letzten Großtranchen öffentlichen Besitzes der privatwirtschaftlichen Profitwirtschaft zuzutreiben, durch seine ganz und gar “undiplomatischen“ Selbstdarstellungen ebenso taktlos wie untaktisch zu beschädigen - bis zur (un)freiwilligen Karikatur & zur Kenntlichkeit des Übermuts der Macht. “Mir kann keener“. Konnte auch keiner lange nicht. Musste er selbst besorgen.

Das war (als Schauspiel) imponierend (man denke dabei erinnernd an Ekkehard Schall in der Rolle des Shakespeare/Brechtschen “Coriolan”) und als persönliche Kamikaze-Haltung sogar bewundernswert - angesichts einer Welt von Schleimern, Taktikern & farblosen Strippenziehern. Dafür “liebte man den Hassenswerten“ - der zur “tragischen Figur“ wurde, weil er seinen “Chefauftrag“ - die Bahnprivatisierung - nicht vollenden konnte.

Als er jetzt, zum Aufatmen aller parteiübergreifend ängstlichen Politiker, die ihn jahrelang gestützt & gehalten hatten, erklärte, er werde “dem Aufsichtsratsvorsitzenden die Auflösung seines Vertrags anbieten“, wurde sein geschickter verbaler Schachzug sowohl als späte Einsicht wie als längst fälliger Rück-, bzw. Abtritt öffentlich ausposaunt und unverzüglich sein Nachfolger gesucht, gefunden und inthronisiert.

Dabei hatten die politischen Liliputaner wieder einmal ihre Rechnung ohne den gewitzten Berliner Gulliver gemacht, der sie ihnen nun aber präsentiert.
Denn mitnichten erspart ihnen Mehdorn, der nicht zurückgetreten ist, sondern nur großzügig angeboten hat, aus seinen vertraglichen Verpflichtungen sich entbinden zu lassen, was sie - nach seiner Selbsteinschätzung - ihm schuldig sind: fortlaufend Gehalt, Boni und Abfindung. Und darüber ist jetzt das Geschrei allerorten groß bei den Pharisäern, die so tun, als hätte bisher keiner gewusst, mit wem er es die Jahre über zu tun hat(te). Von einem wie ihm - der sich bis heute im Besitz seiner Unschuld weiß und als Opfer einer “politischen Kampagne” - auch noch zu erwarten, er werde wie ein getretener Hund den Schwanz einziehen & sich aus dem Staub machen, ist wahrlich zu viel verlangt, um nicht zu sagen: unverschämt.

In seinem “Abschiedsbrief” an alle (ausgespähten) Bahnbeschäftigen, der im Tenor des “Ich liebe Euch doch alle” gehalten ist, schreibt er am Ende “herzlichst“, er wisse heute, ”wie viel Wahrheit in einem Spruch steckt, der mir vor allem zu Beginn meiner Amtszeit in den ersten Gesprächen mit manchen von Ihnen so oft begegnet ist: Einmal Eisenbahner, immer Eisenbahner”.

Wir aber, die ihn so lange mit Missvergnügen, Wut & Empörung bis zum Ende seiner Amtszeit begleitet haben, wussten immer, wie viel Wahrheit in dem Spruch steckt, nach dem er verfuhr: “Einmal Mehdorn, immer Mehdorn”. Er ist sich bis zum ultimo momento treu geblieben. Wir haben es nicht anders von ihm erwartet. Das sollten wir (ihm) nie vergessen.

 

Wie sehr uns Hartmut Mehdorn immer wieder beschäftigt hat, können Sie hier, hier, hier, hier und hier nachlesen.

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