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Erkenntnis & Interesse

15.06.2009

Ein Jagdausflug des Zeit-Magazins zur Mitgliederkartei der NSDAP

Sechzehn- bis Achtzehnjährige, fanatisiert im „Endkampf“, als „Nazis“ anzusehen wie alle jene Erwachsenen, die seit den dreißiger Jahren „dabei“ waren? Was für ein Unsinn! Ein Kommentar von WOLFRAM SCHÜTTE zu einem Artikel des Zeit-Magazins über Dieter Wellershoff.

 

„Vor kurzem bekam der Schriftsteller Dieter Wellershoff, 83, einen Brief des Bundesarchivs in Berlin: Man habe, ausgelöst durch eine Recherche des Zeit-Magazins, eine auf seinen Namen ausgestellte Karte in der Mitgliederkartei der NSDAP entdeckt (...) Mitglied Nr. 10.172.531. Eine hohe, also späte Nummer, eine vom letzten Aufgebot“.

So beginnt ein dreiseitiger Artikel von Malte Herwig im Zeit-Magazin, das den gesuchten Aktenfund schon zuvor an die deutschen Presseagenturen gegeben hatte, und ihm nun seine schleimige Aufbereitung aus imitierter Fürsorglichkeit und hinterhältiger Unterstellung nachschickte. Nach dem von ihm initiierten „Blauen Brief“ meldete sich dessen journalistischer Verursacher bei dem Kölner Schriftsteller, der – nun „total vor den Kopf geschlagen“ – den jungen Rechercheur von Bundesarchivs Gnaden zu einem „vierstündigen Gespräch“ empfing, wie Herwig stolz vermeldet, das „ein Wühlen im Gedächtnis, in Dokumenten“ war, „und doch bleibt am Ende ein leeres Bild (...) Er gibt nicht den trotzigen Dementierer. Er bohrt sich in das Damals hinein, hellwach. Man ist geneigt, ihm zu glauben“, wenn Wellershoff sagt, dass er weder NSDAP-Mitglied war, noch sich an einen Antrag erinnern könne. Aber dass der Alte nicht den „trotzigen Dementierer gibt“, also nicht die Rolle des Trotzkopf spielt, nachdem er sich den Jungen ins Haus geholt hatte, sondern zerknirscht ihm zu Diensten ist, hilft ihm nicht.

Der junge Mann, der den alten Schriftsteller verhört, als halte er das Corpus delicti eines bislang verschwiegenen nazistischen Hetz- oder Durchhalte-Artikels des Siebzehnjährigen in der Hand, ist aber nicht geneigt, dem sichtlich Gequälten zu glauben, weil „Aussage gegen Aussage, Karteikarte gegen Erinnerung (steht)“. Obwohl Wellershoffs Unterschrift fehlt, es eine kollektive Meldung von 386 Aufnahmescheinen gewesen sei, die alle an Hitlers vorletztem Geburtstag, am 20. April 1944, erfolgt sein sollen und auch noch um ein Jahr zurückdatiert wurden! Seltsam, seltsam.

Sechzehn- bis Achtzehnjährige, fanatisiert im „Endkampf“, als „Nazis“ anzusehen wie alle jene Erwachsenen, die seit den dreißiger Jahren „dabei“ waren? Was für ein Unsinn!
Könnte es nicht eine bürokratische Ergebenheitsadresse der Düsseldorfer Gauleitung gewesen sein, das letzte Aufgebot der Jugend – sei´s fanatisiert oder nicht – „der Partei“ pro forma zuzuführen?

Jedenfalls: eine Merkwürdigkeit, über die einfach hinweggegangen wird – wie auch in den zahlreichen anderen Fällen, die von Jens bis Wapnewski, von Henze bis Walser hier gleich alle wieder zur Beschämungsparade versammelt werden.
Merke: wenn eine NS-Karteikarte mit einem lebenden Menschen konfrontiert wird, hat sie immer mehr recht als der, der sie ja „leugnet“. Ein liberaler Grundsatz ist das nicht; aber ein totalitärer schon.

Selbst wenn der aktenmäßig beschuldigte Wellershoff (wie Grass, Lenz, Hildebrandt u.a.) nun erklärt: „Dass ich den Krieg überlebt habe, das habe ich versucht zurückzuzahlen, indem ich mich aufklärerisch verhalten habe“, dreht ihm ein Malte Herwig einen Strick daraus mit der rhetorischen Frage: aufklärerisch „auch gegen sich selbst?“

Lieber das Maul gehalten?

Mit Dieter Wellershoff - dem Benn-Herausgeber, langjährigen Lektor von Böll und spät erst selbst Autor neusachlicher, existenzialistischer Romane und Erzählungen – glaubt Herwig im Magazin der Zeit noch einmal einen Fisch an der Angel zu haben, mit dessen vierstündigem Zappeln sich wieder „Fragen zur Vergangenheit moralischer Instanzen der Bundesrepublik aufwerfen“ lassen. Denn das Interesse seiner vom Zeit-Magazin im Bundesarchiv veranlassten Recherche hat zum Ziel eine Erkenntnis, die Malte Herwig dankenswerterweise klar benennt, indem er als Faktum ausgibt, was seine Insinuation ist und als Frage formuliert, was als verurteilende Feststellung gelesen werden soll: „Projiziert eine so vergessliche Art, sich zu erinnern, nicht alle Schuld auf die angepassten anderen – aus Furcht, die eigenen Leistungen würden durch das ‚beschämende Odium des Mitläufertums‘, wie Wellershoff es einmal nannte, entwertet? Das Parteiabzeichen als brauner Fleck auf dem Lebenslauf vorbildlicher Demokraten. Kompensierten die moralischen Überväter der Bundesrepublik ihr eigenes Dabei-gewesen-Sein, in dem sie Deutschland und den Deutschen immer wieder die Leviten lasen?“

Die moralistischen Elche waren als Hitlers Jungen also selber welche und hätten besser das Maul gehalten, statt als quälend-quengelnde „Überväter“ ihre verschwiegene einjährige Parteizugehörigkeit durch zelotische Geißelung „Deutschlands und der Deutschen“ zu kompensieren?

Der 83-Jährige Schriftsteller Wellershoff, der aus seiner jugendlichen Begeisterung für die Wehrmacht keinen Hehl gemacht hat (sowenig Grass seine nazistische Gesinnung übers Kriegsende hinaus je verleugnet hatte), hatte sich aber offenbar beim Zeit-Magazin verdächtig gemacht & für Recherchen ad se ipsum empfohlen, als er „nach den Enthüllungen über Walser, Grass und andere, die NSDAP-Mitgliedschaften in einem ‚Spiegel‘-Essay als ‚journalistisches Sommertheater‘ bagatellisierte“ und in der Waffen-SS-Mitgliedschaft des jugendlichen Grass noch keinen „kritikwürdigen Tatbestand“ sah. Nur dass Grass es 60 Jahre lang verschwiegen hatte, warf er dem Generationsgenossen vor.

„Und nun“, frohlockt der Zeit-Magazinist, sei „er selbst“ dran und dabei von dem ihn vier Stunden lang heimsuchenden Zeitreporter erwischt & gestellt worden. Wo zuerst „Aussage gegen Aussage“ stand, steht am Ende ein verschwiegener Lügner vor uns.

Noch Wellershoffs Hoffnung, nach der Grassschen Selbstenthüllung sei womöglich „die Nachkriegszeit zu Ende“ gegangen, wird ihm von Malte Herwig genommen: „Doch es ist noch nichts zu Ende, auch nicht für Wellershoff“, hält er dem 83-Jährigen drohend entgegen: „In den Trümmern der deutschen Geschichte schlummern immer noch Bomben“.

Zumindest, ist man versucht hinzuzufügen, solange noch fanatische Spreng- & Schulmeister wie dieser Herweg unterwegs sind und in den Nazikarteien Blindgänger aufspüren lassen, die sie dann zur nachholenden Entsorgung von in Ehren alt gewordenen bundesrepublikanischen Moralisten hochgehen lassen möchten.
„Malte, mir graut vor Dir!“ („Faust“, apokryph, friesisch)

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