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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 08:47

Literaturnobelpreis für Herta Müller

08.10.2009

In Sprache aufbewahrt, mit Metaphern gerettet

Wir können glücklich sein, dass das schwedische Nobelpreiskomitee Hertas Müllers sprachliche Qualität erkannt hat - im Gegensatz zu manchem deutschen Kritiker. WOLFRAM SCHÜTTE über die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller.

 

Der Literaturnobelpreis gleicht, wie jeder weiß, dem Lotto. Wer ihn gewinnt, hat Glück gehabt. Jeder, der ihn gewinnt, weiß aber auch - so sehr er ihn verdient -, dass ebenso begründet ein anderer Autor ihn verdient hätte. Es gibt weltweit genug große Schriftsteller. Manche unter ihnen haben lebenslang Pech.

Solche Relativität des Glücks entwertet den Preis und den Preisgekrönten nicht; es erklärt aber das alljährliche Echo der abwägenden Kommentare. Sie sind ein Spiel & oft eitle Selbstbespiegelung ihrer Kommentatoren, die es besser zu wissen meinen & ihre verschmähten Wunschkandidaten ins Feld führen - manchmal auch, weil sie mit dem Gekürten nichts anzufangen wissen & ihn erst danach übersetzt kennen lernen werden.

Denn die schwedische Nobelpreisakademie folgt überwiegend nicht den international hoch gehandelten, oft zu Recht auch bekannten Namen. Eher sorgt sie fast alljährlich für Überraschungen - wie in diesem Jahr wieder, weil sie nicht auf die erzählerische Qualität allein ihren Akzent legt, sondern auf deren sprachliche Repräsentanz, also die je eigene Qualität des Dichterischen, der Verdichtung im Wort. Das sind poetische Präferenzen, die z.B. in der deutschen Literaturkritik eher nur als zusätzlichen Mehrwert gehandelt werden, statt als fundamentales Kriterium der literarischen Kunst.

Deshalb ist der Literaturnobelpreis für Herta Müller so erstaunlich, so begrüßenswert, so großartig. Denn ihr Oeuvre ist in Stockholm aus seinem ganz eigenen literarischen Fundament erkannt und benannt worden. Sie habe, heißt es in der Begründung, „durch Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit” geschaffen.

Der Lebensweg der 1953 im rumänischen Banat als Mitglied der deutschen Minderheit Geborenen war steinig und gefährdet; es bedurfte aller ihrer eigensinnigen, mutigen Energie, sich in der Ceauscescu-Diktatur als deutschsprachige Schriftstellerin zu entwickeln und zu behaupten - umso mehr, als nach ihren ersten Veröffentlichungen in Westberliner Rotbuchverlag 1986 , die durch die poetische Dichte ihrer Prosa sogleich auffällig & als solitär erkannt wurden, sie ins Fadenkreuz und Netz der rumänischen Securitate geriet. In einem erst im vergangenen Juli publizierten Bericht, der die haarsträubenden, weitreichenden Manipulationen und bedrohlichen Nachstellungen summiert, denen sie sich in Rumänien, aber auch noch nach ihrer Emigration 1987 in der Bundesrepublik ausgesetzt sah, kommt sie zu der deprimierenden Bilanz: „Die Securitate ist noch im Dienst”.

 

Wider die Securitate

In gewisser Weise ist aber auch Herta Müller “noch im Dienst”: wider die Securitate – nämlich als Augen- & Ohrenzeugin jener totalitären Welt, dessen mörderischster Ausdruck der Geheimdienst in Rumänien war. Der berühmte Satz Faulkners in seiner Nobelpreisrede: „Die Vergangenheit ist nicht tot; sie ist noch nicht einmal vergangen” könnte auch über Herta Müllers poetischer Aufarbeitung ihrer Lebenszeit in Rumänien als deren Motto stehen. Ihre Romane und Erzählungen gleichen einem mehrfach in konzentriertester Handarbeit verknüpften Flickerlteppich, bei dem Erinnerung und Phantasma, Lebensangst und Widerstandswillen sich in Sprachbildern verknoten, die den Schrecken des totalitären & dissidenten Alltags, der Überwachung, des Verhörs, der Lüge und der Einsamkeit immer erneut wider das Vergessen & Verdrängen festzurren, indem sie es in paradoxen Metaphern und farbintensiven Worten sinnlich verdichten.

In ihrem jüngsten Roman, der gerade erschienenen Atemschaukel, den sie ursprünglich mit dem 2006 gestorbenen Oskar Pastior schreiben wollte, erweitert sie ihr autobiographisches Erzählrevier zum Historischen Roman. In Atemschaukel entwirft Herta Müller mit allen ihren poetischen & sachlichen Mitteln die fiktive Autobiografie eines Rumäniendeutschen, der - wie viele seinesgleichen -, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in den sowjetischen Gulag verschleppt wurde: ein minutiös rekonstruiertes, zur Vision von Einsamkeit, Hunger und Kälte verschmolzenes dichterisches Epos des 20. Jahrhunderts.

In der deutschsprachigen Nachkriegsprosa (außer bei Ilse Aichingers 1948 erschienenem Roman Die größere Hoffnung) hat keine erzählerische Prosa poetisch mehr gewagt - und mehr gewonnen: bei der Erkundung, Errettung und literarischen Landnahme im „Zeitalter der Extreme” - wie das Oeuvre Herta Müllers.

Wir können glücklich sein, dass das schwedische Nobelpreiskomitee diese sprachliche Qualität erkannt hat - im Gegensatz zu manchem deutschen Kritiker.

 

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