Der Literaturnobelpreis gleicht, wie jeder weiß, dem Lotto. Wer ihn gewinnt, hat Glück gehabt. Jeder, der ihn gewinnt, weiß aber auch - so sehr er ihn verdient -, dass ebenso begründet ein anderer Autor ihn verdient hätte. Es gibt weltweit genug große Schriftsteller. Manche unter ihnen haben lebenslang Pech.
Solche Relativität des Glücks entwertet den Preis und den Preisgekrönten nicht; es erklärt aber das alljährliche Echo der abwägenden Kommentare. Sie sind ein Spiel & oft eitle Selbstbespiegelung ihrer Kommentatoren, die es besser zu wissen meinen & ihre verschmähten Wunschkandidaten ins Feld führen - manchmal auch, weil sie mit dem Gekürten nichts anzufangen wissen & ihn erst danach übersetzt kennen lernen werden.
Denn die schwedische Nobelpreisakademie folgt überwiegend nicht den international hoch gehandelten, oft zu Recht auch bekannten Namen. Eher sorgt sie fast alljährlich für Überraschungen - wie in diesem Jahr wieder, weil sie nicht auf die erzählerische Qualität allein ihren Akzent legt, sondern auf deren sprachliche Repräsentanz, also die je eigene Qualität des Dichterischen, der Verdichtung im Wort. Das sind poetische Präferenzen, die z.B. in der deutschen Literaturkritik eher nur als zusätzlichen Mehrwert gehandelt werden, statt als fundamentales Kriterium der literarischen Kunst.
Deshalb ist der Literaturnobelpreis für Herta Müller so erstaunlich, so begrüßenswert, so großartig. Denn ihr Oeuvre ist in Stockholm aus seinem ganz eigenen literarischen Fundament erkannt und benannt worden. Sie habe, heißt es in der Begründung, „durch Verdichtung der Poesie und Sachlichkeit der Prosa Landschaften der Heimatlosigkeit” geschaffen.
Der Lebensweg der 1953 im rumänischen Banat als Mitglied der deutschen Minderheit Geborenen war steinig und gefährdet; es bedurfte aller ihrer eigensinnigen, mutigen Energie, sich in der Ceauscescu-Diktatur als deutschsprachige Schriftstellerin zu entwickeln und zu behaupten - umso mehr, als nach ihren ersten Veröffentlichungen in Westberliner Rotbuchverlag 1986 , die durch die poetische Dichte ihrer Prosa sogleich auffällig & als solitär erkannt wurden, sie ins Fadenkreuz und Netz der rumänischen Securitate geriet. In einem erst im vergangenen Juli publizierten Bericht, der die haarsträubenden, weitreichenden Manipulationen und bedrohlichen Nachstellungen summiert, denen sie sich in Rumänien, aber auch noch nach ihrer Emigration 1987 in der Bundesrepublik ausgesetzt sah, kommt sie zu der deprimierenden Bilanz: „Die Securitate ist noch im Dienst”.