Schwindelerregende Schwindel-Höhen
Mit Verlaub, dieser Schluss eines ironisierten „mundus vult decipit” ist banal und läppisch - weil Brendel die schwindelerregende Höhe des von ihm so genannten „Schwindels” damit verfehlt, bzw. nicht erreicht hat (oder vermieden wollte?).
Dabei hatte er an zwei Stellen seines Artikels den Zipfel in der Hand, um den säkularen Rang dieses Täuschungsfalls zu erkennen, als er schrieb: „Im Lauf der neunziger Jahre erlaubte es der technologische Fortschritt, fremde Aufnahmen ohne größeren Aufwand am eigenen Computer aufzubereiten. (...) Barrington-Coups Beitrag bestand darin, den Klang mancher CD etwas zu verfremden, zyklische Werke aus mehreren Aufnahmen zusammenzustellen sowie Tempi zu verändern, um die Identifikation zu erschweren, denn es ist neuerdings digitaltechnisch möglich geworden, Musik langsamer oder schneller ablaufen zu lassen, ohne die Tonhöhe anzutasten”.
Die Beiläufigkeit, mit der Brendel diese neuesten elektronisch-digitalisierten Mittel erwähnt, das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit” nicht bloß zu reproduzieren, sondern auch als ein Anderes neu zu erschaffen, legt die Vermutung nahe, dass auch ihm diese Mittelchen & Wege so selbstverständlich & geläufig sind, wie dem „britischen Tontechniker von Graden”.
Nun weiß man schon, sagen wir: seit Karajans Zeiten, dass die Aufnahmetechnik und deren subtile Montage-Möglichkeiten immer weiter verfeinert wurden; auch: dass schon Schallplatten & erst recht CDs oft aus verschiedenen Aufnahmen desselben Musikstücks oder seiner Einzelteile zu einem optimalen Gesamteindruck zusammenmontiert sind, der „besser”, „gelungener”, „perfekter” ist, als jede der ihm zugrunde liegenden Aufführungen. Und seit „Sgt. Pepper´s Lonely Hearts Club Band”, dem 1967 erschienenen Beatles-Album, hat die elektronische Technologie mit ihren akkumulierenden Möglichkeiten die Aufzeichnung & Reproduktion des Authentischen ins Virtuelle erweitert.
Seither ist das „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit”, aufgrund deren Walter Benjamin den Verlust der Aura des Originals konstatierte, um eine Möglichkeit erweitert: die technische Produktion einer daraus entwickelten Umgestaltung und Neuerschaffung eines Kunstwerks, das zwar nur virtuell, d.h. als Datenträger existiert, aber zugleich als ein Original - sosehr es auch sich des ursprünglichen Ausgangsmaterials bedient haben mag.
Wim Wenders, dessen Filmästhetik einmal auf der Ontologie des der sicht- & hörbaren Realität abgenommenen Bildes beruhte, zeigte sich zuerst von den digitalen Aufzeichnungsmöglichkeiten zutiefst beunruhigt, weil dadurch die „Wahrheit” des „Authentischen“, sprich: die Identität von Objekt & Aufnahme, irreversibel kassiert wird - wenn die analoge Aufzeichnung digital unerkennbar und nicht nachweisbar manipulativ verändert werden kann. Nachdem man aber diesen unwiederbringlichen Verlust von „Wahrheit” im Progress zum Virtuellen akzeptiert habe, bemerkte Wenders später, „wird das >Mehr< der Möglichkeiten im wahrsten und zweideutigen Sinne zu einem riesigen neuen Ozean, in dem man hineintauchen kann oder den man übersegeln kann, je nachdem”. Was für das digital aufgezeichnete Bild gilt, trifft auch auf den Ton zu: aber erst recht, seit es möglich ist, wie Brendel schreibt, „Musik langsamer oder schneller ablaufen zu lassen, ohne die Tonhöhe anzutasten”.
In dieses Meer von digitalen Möglichkeiten, die einen nun wirklich schwindlig machen können, ist Barrington-Coupe womöglich als erster Pionier der klassischen Klavierliteratur im „Zeitalter ihrer digitalen Virtualisierung” hinabgetaucht; und dass er seine neuartigen musikalischen Legierungen & (Er-)Fundstücke ausgerechnet unter dem Namen von Joyce (wenn auch Hatto) in die Welt geschickt hat, gleicht einem sublimen Treppenwitz.
Pianistisch authentisch & identisch „wahr” ist von nun an - nach Barrington-Coupes digitalen Coups - einzig und allein der auratische Augenblick, in dem ein Zuschauer hört, wie der Pianist vor seinen Augen Klavier spielt. Wer jetzt noch bei Studioaufnahmen, die ihm nur auf einem Datenträger zugänglich sind, eine bloß analoge Reproduktion des zu Hörenden annimmt, dem scheint das Bedürfnis, an Wunder zu glauben, immer noch nicht abhanden gekommen zu sein.
Alfred Brendels „Schadenfreude” aber über die von Barrington-Coupe & Joyce Hatto düpierten „Fachleute” könnte womöglich etwas schal sein. Denn wohlweislich hat der österreichische Pianist i.R., der nun das britische Schwindlerehepaar denunziert hat, mit seinem eigenen Urteil über die ästhetische Qualität der von ihnen „getürkten” Aufnahmen hinterm Berg gehalten. Wäre sie miserabel und handelte es sich dabei um „Verschlimmbesserungen”, hätte uns Brendel das gesagt, und die „Fachleute” wären bei ihren „Blindverkostungen” nicht darauf hereingefallen.
Könnte es also sein, dass die erschwindelten pianistischen „Veredlungen” der Kunst des „Blendings” eines Whiskys entsprechen, der anderes und mehr ist als nur ein „Single malt”, der sein „Alleinstellungsmerkmal” als qualitativ überlegen - nur behauptet?