Nach der Blamage über das unisono von der “seriösen” Literaturkritik & auch noch von Maxim Biller hochgejubelte Berliner Wunderkind hat irgendein Blogger die schlichte Frage gestellt, ob das ganze Tohuwabohu der letzten Wochen stattgefunden hätte, wenn die Autorin nicht ein 17-jähriges Mädchen, sondern eine 37-jährige Frau, oder (wie jetzt ein anderer schrieb) ein 57-jähriger Mann gewesen wäre. Eine rhetorische Frage, die ins Zentrum des nun ernüchterten Spektakels trifft.
Denn es war einzig das zarte Alter & der skandalöse Stoff, die den Jubel-Trubel aller nun Gefoppten des von ihnen kumulativ erhitzten Literaturbetriebs auslöste - als hätte “Alice im Wunderland“ ihre Autobiographie vorgelegt und nicht Lewis Carroll sie ihr erfunden.
Alle Stubenhocker & -hockerinnen - Rezensenten sind es ja von Berufs wegen & keiner unter ihnen ist als sachkundiger “Libertin“ des wüsten Berliner Undergrounds bekannt geworden - haben in dem Buch die eigene Spießerphantasie vom “verderbten Leben”, literarisch aufgeschäumt, als Auftritt eines Wunderkinds begrüßt. Und jede Lobhudlerin, jeder nacheilende Lobhudler wollte bei der sensationellen “Entdeckung” lautstark dabei sein & seinen Ehrensenf dazugeben.
Zwar wurde immer mal wieder auf die Differenz von Fiktion und Leben der Autorin heuchlerisch hingewiesen, aber nur als autobiographischer Erlebnisbericht einer kaltblütigen 17-jährigen war das Buch wie ein “Wunder” zu feiern: als Jugend-Skandal eines altklugen Kindfrau-Genies.
Dessen plötzliche Erscheinung wurde als Auftritt eines Engels mit satanischen Erfahrungen inszeniert, zu dem ihre Bewunderer pilgerten - nicht vom Verlag (allein) provoziert, sondern erst recht von der supergeilen Berliner literarischen Bagage promotet. Keine & keiner in der kritischen Zunft hat sich der self-fulfilling prophecy entgegengestellt; nur: Wer diesmal geschwiegen hatte, hat das Glück, an der Blamage aller anderen, die sich im selbst erzeugten Ruhm ihrer Herolddienste sonnten, nicht beteiligt gewesen zu sein. Für einmal wurde, wer zu spät kam, vom Leben des Literaturbetriebs nicht bestraft, der ja schon so rasant auf Touren gekommen war, dass der Debütanten-Fake bereits auf dem Weg war, für den Leipziger Buchpreis nominiert zu werden.