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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:35

WikiLeaks und die internationale Diplomatie

01.12.2010

Lachhafter Geheimnisverrat

WikiLeaks verhebt sich mit seiner US-Depeschen-Publikation. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Natürlich ist es ein “Gau für die amerikanische Außenpolitik”, wie der “Spiegel” zurecht zu den von Wikileak ins Netz gestellten & vom “Spiegel” daraus im voraus übersetzt-zitierten Depeschen behauptet, die von den amerikanischen Botschaften ans Washingtoner Außenministerium & vice versa gesendeten worden waren.

 

Gelegentlich sind ja schon einmal Akten & Geheimpapiere von Regierungen durch Nachlässigkeit oder menschliche Fehler auf Müllhalden oder der Straße gefunden worden. Aber noch nie sind massenhaft “Erkenntnisse” der Diplomatie eines Staates (und zwar auch noch der größten Weltmacht!) zeitgleich öffentlich gemacht worden - und nicht erst den Historikern künftiger Jahrzehnte zugänglich. Der Vor-Fall ist nicht nur peinlich & blamabel für die USA, sondern geradezu demütigend.

 

Das Internet ist schon ein verteufeltes Medium. Denn ohne es gäbe es gewiss nicht diese nun schon von WikiLeaks wiederholte weltweite öffentliche Bloßstellung der USA und womöglich auch nicht die Bedingung zu deren Möglichkeit. Denn 250.000 Kopien mit einem Fotoapparat herzustellen: dazu brauchte man wohl ein Heer von Spionen; Wikileak brauchte aber nur einen, der weiß, wo er den richtigen Knopf drücken oder welchen Begriff er eingeben musste, damit die Quelle sprudelte, weil alles zentral gesammelt wurde, das jetzt der Internetwelt vor Augen liegt.

 

Nun gehören diese Depeschen - als Vorort-Einschätzungen der Botschaften - von jeher & überall zu den vornehmsten Dienstgeschäften der Diplomatie. Auch im bundesdeutschen Außenministerium werden Beurteilungen der deutschen Botschaften über das politische Personal der befreundeten und der nicht befreundeten Staaten gesammelt worden sein. Nur finden solche gegenseitigen Ein- & Abschätzungen gewissermaßen im Verschwiegenen statt, weil eben dazu die Diplomatie erfunden wurde, die WikiLeaks jetzt jedoch in diesem Fall de facto abgeschafft hat.

 

Der “Fortschritt” in der Indiskretion könnte sich als ein verhängnisvoller Rückschritt erweisen, weil das gemeinsame Interesse der staatlichen Mächte über kurz oder lang versuchen wird, die schrankenlose Freiheit des Internets mit allen Mitteln und Möglichkeiten einzuschränken. In der Tat kann man sich zudem fragen, ob die radikalliberale Internet-Ideologie, wonach jeder alles über jeden anderen wissen müssen darf, nicht zu jenen gefährlichen humanfeindlichen Dunkelzonen des Internets gehört, die eine dort waltende Dialektik der Aufklärung im eigenen Interesse meiden, bzw. verhindern müsste. Nur Dummköpfe & unzivilisierte Brutalos halten es ja auch in der zwischenmenschlichen Kommunikation für ethisch richtig, den anderen jederzeit von ihrer (insgeheimen) Einschätzung seiner Person, deren Handlungen & Charakter zu informieren.

 

Solange jedoch die Depeschen z.B. über die Bundeskanzlerin, den Außenminister und andere Regierungsmitglieder nichts anderes enthalten als weitgehend zutreffende Plattitüden über deren politische Fähigkeiten und Charakter, mit denen die US-Beamten kritische Bemerkungen der deutschen Printpresse nachgeplappert haben, scheint einzig die Bemerkung über Angela “Teflon” Merkel, (weil an ihr viel abgleite und sie “das Risiko meide und selten kreativ” sei,) zumindest witzig formuliert zu sein. Dass Westerwelle “kein Genscher” & “inkompetent”, “aufbrausend” oder sonst was sei, mag Hillary Clinton beim Gespräch mit dem eitlen Fatzke hilfreich sein - uns aber ist das nichts Neues.

 

Aber dass die diplomatischen Vertretungen der letzten Weltmacht ihrer Washingtoner Führung nur höchst grobschlächtige Holzschnitt-“Erkenntnisse” über die Politprominenz in den von US-Botschaften observierten Staaten zu liefern in der Lage sind, erscheint einem eher lachhaft, wenn nicht sogar beängstigend primitiv. Solange in den WikiLeaks zugänglichen & publizierten Depeschen zu Deutschland nur solche Einschätzungen zum Besten gegeben werden, die längst schon journalistisches Tagesgespräch waren, reduziert sich der damit angerichtete Schaden auf die Eitelkeit der nun qua Wikileak denunzierten Protagonisten.

 

(Interessant ist aber, wie der “Spiegel” die negativen Beurteilungen deutscher Politiker durch die Berliner US-Botschaft den Deutschen negativ zu Buche schreibt, anstatt darin wenigstens ein Minimum an Eigenständigkeit des Satrapen zu erkennen, dessen Eigensinn den Vertretern der Weltmacht missfällt. Als müssten deutsche Politiker um jeden Preis, wie der Verteidigungsminister, z.B. von einem Berliner Botschaftsschnösel, als “Freunde Amerikas” eingestuft werden!)

 

Interessant & gefährlich würde die Publikation von Depeschen der Botschaften & des Weißen Hauses nur, wenn darin über Machenschaften, Bestechungen, Erpressungen - also über einwirkende Aktivitäten der USA und deren Erfolg oder Misserfolg in den einzelnen Ländern - berichtet würde. Also über wirkliche, nachhaltige Geheimnisse, deren Offenbarung beide betroffene Seiten zu fürchten hätten.

 

Man darf aber wohl davon ausgehen, dass die usamerikanischen Diplomaten jedoch soviel von der europäischen Diplomatie seit Talleyrands & Metternichs Zeiten noch mitbekommen haben, dass sie über ihre wirklich einflussreichen Aktivitäten zumindest schriftlich schweigen können.


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