Navid Kermanis »Neuerfindung des Romans«
Zum Geheimnis seines verlegerischen Gelingens zählt bei Michael Krüger wohl auch, dass er mit seinen Autoren als einer der ihren verkehren kann. Der Hanser-Verlag (der ein Krüger-Verlag sosehr ist wie Suhrkamp ein Unseld-Verlag war) hat sich im Laufe der vergangenen Jahrzehnte nicht nur unter Kritikern & Lesern, sondern auch unter Autoren ein solches Renommee erworben, dass ihm andernorts enttäuschte oder alleingelassene Schriftsteller nur zu gerne zugelaufen sind – wie vor einem Jahrzehnt (Wilhelm Genazino), danach Herta Müller und Martin Mosebach und eben jetzt der nach Ammanns Geschäftsaufgabe freigesetzte Navid Kermani.
Der vielseitige Orientalist, Erzähler & Essayist – einer der herausragenden deutschen Intellektuellen – bestückt nun mit seinem Hanser-Debüt ein hoch-, um nicht zu sagen höchstkarätiges Herbstprogramm des Verlags, das seinesgleichen sucht: an literarischer Vielfalt und ästhetischer Gewichtigkeit.
Kermanis bislang umfangreichstes Werk von ca. 1200 Seiten (!) mit Abbildungen (!) heißt Dein Name und wird von Hanser annonciert als »Neuerfindung des Romans«, der »das Privateste ebenso in den Blick nimmt wie die Geschichte, in der wir leben«. Navid Kermanis Buch, verspricht sein neuer Verlag, werde »für jeden Leser das Bild der Gegenwart nachhaltig verändern«.
Natürlich sind das große (Werbe-)Worte & selbstverständlich gehört Klappern zum Handwerk. Aber Autor wie Verlag sind bislang seriös genug gewesen, um auch jetzt annehmen zu dürfen, dass sie den Mund nicht zu voll nehmen. Dabei läuft einem beim staunenden Durchblättern des Prospekts des Hanserschen Herbstes nicht nur in Erwartung von Kermanis monumentalem Buch das Wasser im Mund zusammen. Es geht einem dabei wie dem Gourmet, der auf ein Baiersbronner 3-Sterne-Buffet blickt, das sich vor exquisiten kulinarischen Köstlichkeiten biegt, die auf ihm verschwenderisch versammelt sind.
Umberto Eco, mit dessen deutscher Publikation von Der Namen der Rose (1982) der Hanser-Verlag erstmals auf die »Sunny side of the street« gelangte, sorgt auch diesen Herbst mit seinem jüngsten historischen Spannungs-Roman Der Friedhof in Prag, der in einer Erstauflage von 200.000 Exemplaren vorgelegt wird, für eine sichere ökonomische Unterfütterung der weitreichenden verlegerischen Unternehmungen dieses Jahres.
Deren Aufwendigste – neben der Eco-»Kampagne«, deren Lesereise des Autors jetzt schon ausgebucht ist – dürfte die Promotion des mit einer Startauflage von 100.000 Exemplaren lancierten jüngsten Romans des »Welten sammelnden« Ilija Trojanow sein. Beides sind logistische & ökonomische Anstrengungen, wie sie gewöhnlich von sogenannten »Publikumsverlagen« für deren internationales »Lesefutter« unternommen werden.
Der nach Jahren in Afrika & Indien derzeit in Wien lebende Trojanow habe nun mit dem Antarktis-Roman EisTau ein ebenso »poetisches« wie »zorniges« Buch über das Hinschmelzen der Gletscher geschrieben, das sich gegen die Gleichgültigkeit von »jedem von uns« richtet, behauptet der Verlag. Das mit einer erstmals erscheinenden mehrseitigen Hanser-Literaturzeitung und einer großen Lesereise des Autors in Begleitung eines Kammerensembles, das extra dafür geschriebene Musik aufführt, breit & intensiv beworbene Buch zielt offenbar synergetisch nicht nur auf ein Genres übergreifendes ästhetisches Experiment, sondern auch auf das dadurch erzeugte politisch-moralische Empörungspotenzial eines appellativen »Tua res agitur«.
Allein diese drei Bücher gleichzeitig im Programm zu haben, könnte einem genügen, von schönsten Aussichten für den Herbst zu sprechen. Aber bei Hanser kann, will oder muss man (gar?) aus dem Vollen schöpfen. (Weil man so viele großartige Bücher & Autoren in der Hinterhand hat?)