Edward Hollis: Eine kurze Geschichte des Abendlandes in 12 Bauwerken
11.11.2011
Vom geheimen Leben der Bauwerke
Edward Hollis berichtet in Eine kurze Geschichte des Abendlandes in 12 Bauwerken von Gebäuden, die nicht nur Zeugnis ihrer Erbauungszeit sind, sondern auch viel von der Zeit danach zu erzählen haben. Sofern man ihre Sprache versteht. Von CHRISTOPHER FRANZ
Wenn ein Architekt oder Auftraggeber vor seinem gerade vollendeten Bauwerk steht, sichtlich stolz ob seiner Leistung, so wird er hoffen, dass auch noch seine Nachkommen die Qualität des Bauwerks zu schätzen wissen, es schützen und erhalten und es somit auf ewig unverändert stehen bleiben wird. Soviel zum Wunschdenken. Dass dem eigentlich nie so ist, weiß nicht nur der Architekt insgeheim, wir alle wissen es nur zu gut. Folglich also nicht nur den Erbauer und die Erbauung eines Bauwerks zu beschreiben, sondern auch das, was danach passiert, nicht zu vergessen, das lassen die meisten außer Acht. Der Brite Edward Hollis, Dozent am Edinburgh College of Art, hat sich in die (Lebens-) Geschichte von Bauwerken vertieft und ein intelligentes und spannendes Buch darüber geschrieben.
Gleich zu Beginn stellt er fest, »dass sich alle großartigen Bauwerke im Lauf der Zeit verwandeln, [was …] oft wie ein schmutziges Geheimnis behandelt« wird. Diesen Umstand möchte er ändern und stellt in seinem Buch Bauwerke vor, die ihre Gestalt und Bedeutung von Jahrhundert zu Jahrhundert, manchmal auch nur von einem Jahrzehnt ins nächste, verändert haben. Gerade dadurch gewinnen sie für ihn ihre Schönheit. Er vertritt die Auffassung, dass ein Gebäude, wenn es sich nicht verändert, zu einem Denkmal erstarrt. In der Veränderung von Gebautem hingegen sieht er kein so großes Problem. Das wird der Denkmalschutz nicht gerne hören.
Auswahl mit Überraschungen
Seine Argumentation macht er an zwölf Beispielen fest. Nach einer Einleitung beginnt er dort, wo – wie er meint – »alle Erzählungen über die europäische Architektur beginnen müssen«: dem Parthenon in Athen. Ursprünglich als Tempel für die Stadtgöttin Athene erbaut, diente er durch die Jahrhunderte den unterschiedlichsten Zwecken. Mit dem zunehmenden Interesse an der Antike im 19. Jahrhundert entsagte sich das Gebäude allmählich einer Nutzung und »erstarrte«, wie Hollis sagen würde, zu einem Denkmal.
Der Tempio Malatestiano, benannt nach Sigismondo Malatesta, ist die Kathedralkirche von Rimini, einem Ort der ansonsten eher als Ferienziel bekannt ist.
Daran schließt sich eine Auswahl an Objekten an, die manchen überraschen mag. Gesellen sich doch zu den bekannteren Bauwerken, wie dem Markusdom in Venedig, Schloss Sanssouci in Potsdam oder der Kathedrale Notre-Dame de Paris auch solche, deren Qualitäten nicht jedem bekannt sind. Das Heilige Haus, die vermeintliche Geburtsstätte von Maria, in der Basilika von Loreto gilt zwar als – nach Rom natürlich – zweitwichtigster Wallfahrtsort Italiens, über diesen Kontext hinaus ist es aber nur wenigen bekannt. Auch die Kathedrale von Gloucester wird den meisten eher als Drehort für die Harry Potter-Filme im Gedächtnis sein. Der Tempio Malatestiano, die Kathedrale von Rimini, dagegen nur denjenigen, die sich mit dem Schaffen des italienischen Renaissance-Architekten Leon Battista Alberti auseinandersetzten. Mit der Auswahl der Bauwerke des 20. Jahrhunderts schließlich hätte keiner gerechnet. Unter den vier Objekten befinden sich ein Wohnblock in Manchester, ein Hotelkomplex in Las Vegas sowie zwei Mauern: die Berliner Mauer und die Klagemauer in Jerusalem.
An Erster kann man das, was Hollis in diesem Buch verfolgt, vorzüglich und in wenigen Sätzen nachvollziehen. Schon an dem Tag, an dem die ersten Absperrungen errichtet wurden und die Arbeiter die ersten Steine aufeinandersetzten, war den Verantwortlichen klar, dass dies nur ein Provisorium sein wird. Ein Provisorium zwar, anders aber als es sich die meisten Menschen erhofft hatten. In den 28 Jahren ihres Bestehens wandelte sich die Mauer stetig. In mehreren »Generationen« wurde mit immer perfideren Ideen ein menschenverachtendes Konstrukt an Einzelelementen erschaffen, das zwar offiziell als Schutzmaßnahme, als »antifaschistischer Schutzwall« galt, in Wahrheit aber die Abwanderung der Bevölkerung aus der DDR beenden sollte. Die vielen Schicksale, die mit diesem Bauwerk verbunden sind, gehören zu einem der traurigsten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte.
Die Hulme Crescents in Manchester. Die Alternative zu den Arbeitervierteln scheiterte und wurde Anfang der 1990er Jahre wieder abgerissen. (Abbildung aus vorgestelltem Band)
Immer im Wandel
Vielleicht ist der Leser verwundert, wenn er feststellt, dass die Beispiele des letzten Jahrhunderts eigentlich alle negative Entwicklungen beschreiben; als hätte das 20. Jahrhundert nichts Positives zu bieten. Tatsächlich sind das aber die interessantesten Kapitel des auch ansonsten durchweg lesenswerten Buches. Bei der Lektüre stellt man jedoch schnell fest: Die versprochene »Kurze Geschichte des Abendlandes« ist in dem Text nicht zu finden. Was für die Architektur gilt (der Wandel!), scheint auch für dieses Buch zu gelten. Aus dem englischen Originaltitel The Secret Lives Of Buildings wurde in der deutschen Fassung das völlig unpassende und falsche Erwartungen weckende Eine kurze Geschichte des Abendlandes in 12 Bauwerken. Vielleicht mag es den Autor, sofern er Kenntnis davon erlangt hat, belustigen.
Ein anderer Wermutstropfen ist das fast vollständige Fehlen von Abbildungen (die 13 beigegebenen sind meist wenig aussagekräftig). Mag es auch das Konzept Hollis sein, bewusst auf Illustrationen zu verzichten, dem Leser wären sie zur Unterstützung hilfreich gewesen. Ansonsten vervollständigen der Anmerkungsapparat, ein Sach- und Personenregister sowie ein mittellanges Literaturverzeichnis das Werk. Ob das Buch aber mehr als die Beschreibung der Geschichte des Wandels von Bauwerken, nämlich, wie der Autor möchte, ein »Manifest für diesen Wandel« ist, wird die Zeit zeigen.
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