Zwischen 2001-2006 befragte das angesehene Meinungsforschungsinstitut – mit dem Gründungsjahr 1935 das älteste seiner Art – mehrere Zehntausend repräsentativ ausgesuchter Menschen in 38 überwiegend muslimischen Ländern, in den USA, Kanada und Europa in oft mehrstündigen, in der Landessprache durchgeführten Interviews. Ziel war es, der mit dem 11.9.2001 anschwellenden islamfeindlichen Kampagne in den USA mit modernen demoskopischen Methoden gewonnene, verlässliche Aussagen von Muslimen zu Religion, Demokratie, Terrorismus und Geschlechterrollen entgegenzustellen. Kurz, harte Fakten gegen »anekdotische« Welterklärungsmuster, zum Schaden der Hassprediger beider Seiten, wie das Esposito und Mogahed formulieren.
Wenn etwas sensationell an diesem Buch ist, dann dass eben das so überzeugend gelungen ist. Die übergroße Mehrheit der befragten Muslime zwischen Djakarta und Dakar, Teheran und Daressalam sind fast schon langweilig »normal« und politisch gemäßigt. Ihre Werteskala weicht kaum von der der Europäer oder US-Amerikaner ab: Demokratie, politische Freiheit, Frieden und wirtschaftlicher Wohlstand. Muslime beider Geschlechter schätzen allerdings ihre Religion bei weitem höher, als man dies im Westen tut. Deshalb sehen sie religiöse Einflüsse in der Politik durchaus positiv (nicht aber politisierende Religionsgelehrte!).
Einen generellen islamischen Antiamerikanismus oder den gerne imaginierten kollektiven Hass auf die westliche Lebensweise lässt sich dagegen empirisch-demoskopisch nicht aufspüren. Muslime und Musliminnen können aber mit großer Klarheit benennen, was sie am Westen stört: seine Arroganz, seine Tendenz, dem Rest der Welt seine vermeintlichen Patentrezepte aufzudrängen, Promiskuität und Pornografie, die besonders Musliminnen als Verachtung der Frauen empfinden.
Ein relativ kleiner Prozentsatz der Befragten, durchschnittlich etwa 7 Prozent, rechtfertigt oder befürwortet politische Gewalt. Überraschenderweise, auch für die Autoren, lag der Anteil solcher Radikaler unter den Interviewpartnern am höchsten in Indonesien. Gibt es überhaupt Gemeinsamkeiten unter den sozial recht heterogenen Gewaltbefürwortern, so sind dies technische Ausbildung, starke emotionale Betroffenheit über die westliche militärische und politische Dominanz und eher marginale Kenntnis des Islam (ähnliches ließ sich schon vor zwanzig Jahren bei der algerischen FIS beobachten).