Für jeden Filmliebhaber von Interesse
Stieglers »Kernthese« besagt, »dass Hitchcock in seinen Filmen – anstelle dem Publikum ein Vorwissen zu vermitteln, über das der/die Protagonist(en) keine Kenntnis besitzt/besitzen – überwiegend einen Wissensgleichstand zwischen Zuschauer und Hauptfigur hergestellt hat«. Diese These wird an fünf Filmen überprüft in einem Kapitel, das für sich so umfangreich ist wie die vier vorausgegangenen Kapitel zusammengenommen. Dass Stiegler am Ende jeder Analyse die Kategorien »Suspense«, »Similarity«, »unspezifische Vorahnung« und »Surprise-Phase« jeweils bis in die Sekunde hinein tabellarisch protokolliert, dürfte einem dogmatischen Verständnis (des Doktorvaters?) von der wissenschaftlichen Bedeutung quantifizierbarer Ergebnisse zu verdanken sein. Die entscheidenden Aussagen wurden im beschreibenden Teil gemacht, die Pseudogenauigkeit von Zahlen fügt ihnen nichts Wesentliches hinzu.
In dem abschließenden Kapitel über inhaltliche und formale Gestaltungsverfahren bei Hitchcock nennt die Autorin eine Fülle von teils vertrauten, teils wenig beachteten Charakteristika, die jedes für sich eine eigene Arbeit rechtfertigten. Ein Desiderat wäre es, den Zusammenhang von Suspense und einem anderen, sehr viel seltener im Zusammenhang mit Hitchcock erwähnten Merkmal seiner Filme zu untersuchen: mit dem Humor. Was Suspense und Witz verbindet, ist »Surprise«, die Überraschung – aber wie verhält sich Hitchcocks sehr englischer, sehr intellektueller Witz zu den Erfordernissen des Suspense oder auch zur Kategorie der »Angst«, die Hitchcock selbst im Kontext von Suspense nennt? Da Christina Stiegler sich ausdrücklich auf Hitchcock beschränkt, bleibt eine weitere Frage offen, die doch nach einer Antwort verlangt: Wie tauglich ist der (von Christina Stiegler so minutiös herausgearbeitete) Suspense-Begriff für andere Filmemacher, für Fritz Lang etwa oder für Jean-Pierre Melville oder für Martin Scorsese? Ist er über Hitchcock hinaus verwendbar, und wenn nicht – wie soll man ähnliche Phänomene bei anderen Regisseuren nennen? Ist er, darüber hinaus, für Spezifika der Kameraarbeit, der Lichtführung, der Musik etc. (Stiegler streift sie auf knapp 20 Seiten am Ende ihrer Arbeit) gleichermaßen funktional wie für dramaturgische Verfahren?
Dissertationen dienen dem Erwerb eines akademischen Grads und sind in der Regel unlesbar. Gelegentlich deutet manches darauf hin, dass selbst jene, die sie zu beurteilen hatten, sie nicht gelesen haben. Dieses Buch von Christina Stiegler ist, thematisch wie sprachlich, durchaus für jeden Filmliebhaber von Interesse und, sieht man von der manchmal lästigen Fülle der Fußnoten ab (der Plagiatsverdacht hat auch unangenehme Folgen), frei von Jargon und wissenschaftsüblichen Unsitten.