Bernd Brunner: Wie das Meer nach Hause kam
01.04.2004
Geschichte der Erfindung des Aquariums
Die Beschäftigung mit einem vordergründig vielleicht wenig aufregenden Gegenstand entpuppt sich dabei schnell als ein spannender Beitrag zur Kulturgeschichte der letzten 300 Jahre
Es muss in der Erziehung einiges schief gegangen sein, wenn Kinder im schulpflichtigen Alter noch nicht wissen, dass Wale Säugetiere sind und keine Fische, und Delfine ebenso. Sendungen wie die mit der Maus, wie „Wissen macht ‚A!’“ und erst recht „Die Welt in der Wanne“ zeigen regelmäßig unsere auftauchenden und prustenden Verwandten und erzählen mit nicht nachlassender Begeisterung zugleich von weiteren Wundern unter Wasser; etwa, warum und wie der Pistolenkrebs schießt und dass der Hai keineswegs ein blutrünstiges Monster ist. Kann der Fernseher so in frühen Lebenstagen als eine Art Aquarium dienen, der auch Blicke in tiefste Tiefen erlaubt, gibt es jetzt für den erwachsenen Aquariumsfan ein kleines, feines Büchlein, das ihn sicherlich ebenfalls bestens unterhalten wird: Wie das Meer nach Hause kam des Fernsehjournalisten Bernd Brunner.
Brunner widmet sich darin der Geschichte der Erfindung des Aquariums, aber noch mehr der seiner Verbreitung von den ersten provisorischen Holzkästen am windigen Strand bis zum hellerleuchteten Glasgefäß in den geheizten Wohnzimmern der Bürger. Seine Beschäftigung mit einem vordergründig vielleicht wenig aufregenden Gegenstand entpuppt sich dabei schnell als ein spannender Beitrag zur Kulturgeschichte der letzten 300 Jahre: Geht es am Anfang darum überhaupt erste Eindrücke vom Leben im Meer zu gewinnen, das man bis dato als einen dunklen Ort des Wahnsinns und des Todes fürchtete, sammelt man bald alles ein, dessen man habhaft werden kann: Die ins Haus geholte Meereswelt wird zu einem Panoptikum, um die Schrecken der Tiefe zu bändigen. Bis am Ende das Aquarium Schritt für Schritt ein Möbelstück wird, in dem Leben pulst und die einstige Fremdheit gegenüber Fisch, Krebs und Seeanemone zugleich überwunden ist.
Der Autor verfolgt diesen Weg mit Vorliebe anhand der Lebensläufe derer, die sich um das Aquarium verdient gemacht haben, ohne dabei nur Anekdote nach Anekdote aneinander zu reihen. Da wäre die Biologin Jeannette Power, die um 1858 als eine der ersten ein System mit Pumpen und Schläuchen entwickelt, um ihre Untersuchungskisten mit stets frischem Wasser zu versorgen. Später wird man einen Krater auf der Venus mit ihrem Namen beehren. Wichtig ist auch der Autodidakt Philip Henry Gosse, der seine Aquarien zunächst mit Fischen, Krebsen, Muscheln und Pflanzen geradezu voll stopft und auf diesem Wege beginnt, sich mit den Ordnungsprinzipen der Unterwasserwelt zu beschäftigen. Nicht minder interessant die Person Emil Adolf Roßmäßler – ein Liberaldemokrat, für den das Aquarium ein idealer Ort ist, um zwischen dem akademischen Interesse an Naturwissenschaften und der puren Lust an Unterhaltung und Vergnügen zu vermitteln: So solle man mit höchstem Ernst die gefangenen Fische studieren, dürfe dazu aber selbstverständlich Pantoffeln und einen Hausmantel tragen. Mit Aufsätzen in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Die Gartenlaube“ wirbt er für die Aquaristik, veröffentlicht dazu erste Handbücher. 1890 dann treffen sich im Berliner „Grand Hotel Alexanderplatz“ 7.000 Aquariumsfreunde zu einer ersten Fachmesse. Wettbewerbe werden alsbald ausgeschrieben, erste exotische Fische importiert; die Zoologischen Gärten eröffnen Publikumsaquarien, für daheim werden Fenster- und Wandaquarien entworfen - bis das Meer auch im kleinbürgerlichen, dann im proletarischen Haushalt quadratisch heimisch wird.
Wenn es denn überhaupt etwas zu kritteln gibt, dann dass der Autor mit Beginn des 20. Jahrhunderts Halt macht und die weitere Entwicklung des Aquariums – etwa dessen Weg in die Zahnarztpraxen ab den Sechziger Jahren – nicht länger verfolgt. Dabei scheint es gerade in der Gegenwart nachdenkenswerte Entwicklungen zu geben, wie eine Randnotiz deutlich macht: Jedes Jahr werden bis zu 600 Millionen Fische aus tropischen Gewässern geschöpft, um Aquarien in Europa, Japan und den USA zu bestücken. Etwa die Hälfte überlebt den Transport nicht.
Frank Keil-Behrens
(Erstveröffentlichung der Rezension im Magazin Mare)
Bernd Brunner: Wie das Meer nach Hause kam – Die Erfindung des Aquariums Transit Verlag, Berlin, 2003. 144 Seiten, 16,80 ¤