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Freitag, 25. Mai 2012 | 06:43

 

Carlos Fuentes: Woran ich glaube

01.06.2004

 
Intellektuelles Glaubensbekenntnis

Der 1928 geborene mexikanische Schrifsteller und Diplomat Carlos Fuentes, einer der Großen lateinamerikanischen Autoren und Intellektuellen, hat seine Autobiografie geschrieben: Im Stil Michel de Montaignes hat er sein „Alphabet des Lebens" in der Form von Essays durchbuchstabiert, die sich z.B. mit Liebe, Freundschaft oder Tod ebenso beschäftigen wie mit Balzac, Bunuel, Faulkner oder Kafka.

 

Die großen Romanciers des lateinamerikanischen "Booms" kommen in die Jahre und veröffentlichen - García Márquez (*1928), Vargas Llosa (*1936) und nun auch Fuentes (*1928) - ihre Erinnerungen und Memoiren. Während García Márquez treu dem überkommenen chronologischen Muster folgt, verteilt Carlos Fuentes seine "Bekenntnisse" auf 41 Stichwörter, die er alphabetisch anordnet. Durch diese Strukturierung entzieht er sich den Klippen des autobiographischen Schreibens, nähert sich der essayistischen Methode von Michel de Montaigne (auf den der Klappentext des spanischen Originals ausdrücklich Bezug nimmt) und gibt seinem Text die Offenheit, die erlaubt, das Buch nach Belieben von vorne nach hinten oder umgekehrt oder auch, von Stichwort zu Stichwort springend, zu lesen. Zugleich unterstreicht Fuentes das ihn kennzeichnende enzyklopädische Prinzip. Nicht zufällig ist der dritte, recht ausführliche Eintrag Balzac gewidmet, den er bewundert und an den er "glaubt": Ähnlich wie Balzac mit seiner "Comédie Humaine" arbeitet Fuentes seit 35 Jahren unermüdlich an einem riesigen Romanzyklus, den er unter die Thematik "La Edad del Tiempo" ["Das Zeitalter der Zeit"] gestellt hat.

Enzyklopädisches Prinzip

Man kann die Einträge grob in drei Bereiche gliedern: Literatur und Kunst, Politik und Geschichte, Privatheit und praktische Philosophie. Sie verschränken sich natürlich und bilden eine komplexe Textur von Verweisen, die eindrucksvoll belegen, mit welch luzider Selbstreflexion und mit welch ungeheuer breitem Bildungswissen Fuentes operiert. Er repräsentiert auf überragende Art und Weise den universal gebildeten lateinamerikanischen Schriftsteller und Intellektuellen, der nicht nur Romane und Theaterstücke schreibt, Filme dreht und als Essayist in Presse, Rundfunk und Fernsehen omnipräsent ist, sondern seinem Land auch als Diplomat, Politiker oder Gelehrter dient. Carlos Fuentes ist ein Multitalent: Er kann alles, er weiß alles und er äußert sich zu allem. So gründen seine "Bekenntnisse" ohne Frage auf der Unzahl von Beiträgen, die er in der mexikanischen und in der internationalen Presse veröffentlicht hat.Fuentes widmet das "Alphabet des Lebens" seinem mit 26 Jahren gestorbenen Sohn Carlos Feuntes Lemus, und er erzählt eindringlich von dessen Leiden und Sterben. Überhaupt sind die biographischen Abschnitte über seine Familie, seine Frau Silvia und seine Kinder die unmittelbarsten. Sein Versuch, in der Tradition der französischen Moralisten, von Nietzsche und Wittgenstein möglichst originell über Fragen der praktischen Philosophie zu räsonieren – Freundschaft, Liebe, Eifersucht, Erziehung, Tod, Zeit, Ich – fällt nicht besonders überzeugend aus.

Homo politicus

Besonders interessant, wenn auch nicht überraschend, sind seine Ausführungen zur Literatur. Hier bewegt er sich auf sicherem Boden und lässt seinem Zitatenschatz freien Lauf. Bemerkenswert ist sein persönlicher literarischer Kanon, da er auch für viele andere zeitgenössische (lateinamerikanische) Autoren Gültigkeit besitzt: Cervantes und Shakespeare, Balzac, Kafka, Faulkner und Borges (selbstredend erweitert um eine Unmenge weiterer Referenzen). Der homo politicus Fuentes kommentiert so gut wie alle relevanten Fragen im Zeitalter der Globalisierung, nicht pessimistisch wie García Márquez oder liberalistisch wie Vargas Llosa, sondern als skeptischer Pragmatiker, der auf die Kraft aufklärerischer Vernunft hofft.Carlos Fuentes ist ein glänzender Stilist: Seine Prosa ist geschliffen, präzise und von wirksamer konziser Rhetorik. Dieses Niveau erreicht die (insgesamt ordentliche) deutsche Übersetzung nicht, da sie die Schärfe der Formulierung weitschweifigen Wendungen opfert; auch ist sie im Detail nicht hinreichend genau. So liest sich der deutsche Text zwar recht flüssig, doch er hat die Brillanz und die feine Selbstironie des spanischen Originals weitgehend verloren.

Karsten Garscha

Carlos Fuentes: Woran ich glaube. Alphabet des Lebens. Aus dem mexikanischen Spanisch von Sabine Giersberg. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2004. 379 Seiten, 24.90 ¤

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