Sven Hanuschek: Geschichte des PEN
12.08.2004
Institutionengeschichte als Sozialgeschichte
Eine wissenschaftliche Dokumentation zum deutschen PEN
PEN, manchmal auch P.E.N., ist die Abkürzung für Poets, Essayists und Novelists und der Name eines 1921 gegründeten internationalen Clubs, der sich um Belange von Schriftstellern kümmert und zu Wort meldet, wo Kollegen verfolgt, in Gefängnisse gesperrt oder ins Exil gejagt werden. Das jedenfalls wäre den Statuten gemäß seine vordringliche Aufgabe. Die vorliegende umfangreiche Arbeit, Teil eines umfassenderen Forschungsprojekts, dokumentiert die Geschichte des westdeutschen PEN von 1951 bis 1990 und damit ein Stück Nachkriegsgeschichte. Denn in den Aktivitäten und Konflikten, den Machtkämpfen und Richtungsänderungen des PEN spiegelt sich die allgemeine Geschichte jener Jahre, die durch den Kalten Krieg und schließlich durch den Zusammenbruch des Sowjetimperiums gekennzeichnet waren.
Die detailversessene, aber vorzüglich lesbare Arbeit enthält viel Anekdotisches, das von der Eitelkeit, der Selbstüberschätzung, von Freundschaftsdiensten und auch vom Intrigantentum mancher Schriftsteller kündet, die zum Teil mit Recht längst vergessen sind. Es gibt da ausgesprochen lächerliche Vorkommnisse, etwa dass es eines Gutachtens bedurfte, um Chandlers Big Sleep vor der Zensur zu retten.
Hanuschek bemüht sich um Objektivität, aber sein Amüsement über einzelne Reaktionen und Vorgänge, die sich aus der Distanz nur noch als komisch, wenngleich manchmal mit durchaus empfindlichen Folgen für die Betroffenen, beurteilen lassen, ist seiner Darstellung anzumerken. Für Leser, die Schriftsteller und ihre Angelegenheiten nicht so wichtig nehmen wie diese und ihre Funktionäre selbst, ist der Band nicht zuletzt interessant als erschütternde Dokumentation der Verwirrungen und Verwüstungen, die der Kalte Krieg im Überbau, im ideologischen Bereich angerichtet hat. Es ist kaum zu begreifen, zu welchen abstrusen Argumenten und Haltungen sich selbst intelligente Menschen über ein halbes Jahrhundert hinweg hinreißen ließen. Verglichen damit sind die heutigen Debatten im deutschen PEN zur politischen Rolle der nunmehr einzigen Hegemonialmacht USA geradezu zahm. Ob man das begrüßen oder bedauern sollte, wird die Zukunft zeigen.
Thomas Rothschild
Sven Hanuschek: Geschichte des bundesdeutschen PEN-Zentrums von 1951 bis 1990.
Max Niemeyer, Tübingen 2004,
Gebunden. 592 Seiten. ¤ 84,00.
ISBN: 3-484-35098-9