Der Digitale Grimm
23.09.2004
Triumph der Technik
Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, deren Namen jeder kennt, dem einmal Märchen vorgelesen wurden, ist eine der faszinierendsten Leistungen der deutschen Philologie. Jetzt auf CD-ROM.
Wissen Sie, was ein Segenkorn ist? Oder eine Dachfette? Oder ein Pfahlpäuschel? So etwas muss man in der Regel nachschlagen. Dafür bietet sich seit anderthalb Jahrhunderten „der Grimm“ an, das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm, deren Namen jeder kennt, dem einmal Märchen vorgelesen wurden. Dieses Wörterbuch ist eine der faszinierendsten Leistungen der deutschen Philologie, ein Ausfluss unvorstellbaren Fleißes, den auch gerne in Anspruch nimmt, wer über ihn spottet. Freilich: wer bislang im Grimmschen Wörterbuch lesen wollte, musste in eine Bibliothek gehen oder, wenn er die vergleichsweise preiswerte und bald verramschte Taschenbuchausgabe besaß, viel Platz in seinem Bücherregal übrig haben.
Man kennt die Technikfreaks, die sich für alles begeistern, was neu ist und elektrischen Strom verbraucht. Die Machbarkeit ist für sie bereits der Inhalt. Wie sinnvoll das ist, was da gemacht wird, darf nicht befragt werden. Hier nun bringt eine moderne Technologie, die CD-ROM, Vorteile, die nicht gering zu schätzen sind. Dass die 2 CD-ROMs auf gedruckten Büchern basieren, dass ihnen ein geradezu bibliophil ausgestattetes Begleitbuch beigegeben ist, als wollten sie sich ehrfurchtsvoll vor dem älteren Medium verneigen, soll nicht unerwähnt bleiben. Und ein Vorteil immerhin, ihr günstiger Preis, verdankt sich der Tatsache, dass die inhaltliche Arbeit, die Formulierung der Artikel, bereits geleistet war. Hinzu kam nun die immer noch beachtliche Leistung der Abschrift und der Übertragung ins eben noch neue und fast schon wieder veraltete Medium.
Dieses hat den Vorzug der rascheren Auffindbarkeit, der Möglichkeit zur Auswahl nach diversen Kriterien, zum aktiven Umgang mit dem historischen Material. Der besondere Reiz des Grimm liegt ja darin, dass sich ihm entnehmen lässt, wie Wörter zur Zeit der Grimms und lange davor verwendet wurden. Was heute im Zusammenhang mit der Rechtschreibreform so dröge und sinnentleert diskutiert wird, die Lebendigkeit der Sprache, ihre Veränderlichkeit in der Geschichte, lässt sich hier sinnlich erfahren. Man lese nur beispielsweise die Artikel zum Stichwort „Frau“ und zu den Zusammensetzungen mit diesem Wort. In ihnen steckt Kulturgeschichte, die bis heute von Belang ist. Und selbst solche Spielereien wie der rückläufige Stichwortindex haben noch einen praktischen Sinn. Er ersetzt ein Reimlexikon. Freilich: das macht noch keinen Dichter…
Thomas Rothschild
Der Digitale Grimm. Zweitausendeins